Es gibt Tiere, die kennt jeder und fast niemand hat sie je gesehen. Der Dachs ist das beste Beispiel dafür. Seine Baue fehlen in kaum einem Wald, und trotzdem haben die wenigsten Naturfreunde einen lebendigen Dachs zu Gesicht bekommen — meist nur den überfahrenen am Straßenrand. Das liegt nicht daran, dass er selten wäre. Es liegt daran, dass er ein Meister des Verborgenen ist: Er lebt nachts, verbringt den Tag mehrere Meter unter der Erde und wählt für seinen Bau bevorzugt Stellen, an die kein Spaziergänger kommt.
Genau das macht ihn zum perfekten Fall für eine Wildkamera. Denn während du den Dachs selbst kaum je zufällig triffst, verrät er sich durch seinen Bau — und ein Bau bleibt, wo er ist. Wenn du einmal eine bewohnte Dachsburg gefunden und richtig gelesen hast, kannst du dort über Wochen zusehen, wie eine ganze Familie am Abend ausfährt, ohne das Tier je zu stören. Die Kunst besteht aus zwei Teilen: den Bau überhaupt als Dachsbau zu erkennen (und nicht mit einem Fuchsbau zu verwechseln), und danach aus den Bildern herauszulesen, was dort eigentlich lebt.
Diese Anleitung geht beides der Reihe nach durch. Sie stützt sich auf die deutschsprachigen Fachquellen — vom Deutschen Jagdverband über das Bundesamt für Naturschutz bis zu den Schweizer Forschungsanstalten — und auf die wenigen guten Feldstudien, die tatsächlich Kameras an Dachsbauen aufgehängt haben. Und weil es hier um ein europäisches Tier geht: Gemeint ist immer der Europäische Dachs (Meles meles), der größte Marder Mitteleuropas — nicht der unverwandte amerikanische Dachs.
Warum sich die Mühe lohnt: ein Ökosystem-Ingenieur im Wald
Bevor du losziehst, ein Wort dazu, was du da eigentlich vor dir hast. Ein Dachsbau ist nicht nur ein Loch im Boden. Er ist eines der größten Bauwerke, die ein einheimisches Säugetier hinterlässt, und er verändert den Wald messbar. Eine europaweite Übersichtsarbeit im Fachjournal Animals beschreibt den Dachs ausdrücklich als Ökosystem-Ingenieur: Rund um seine Baue ist der Boden umgegraben, kalkreicher und nährstoffreicher, der pH-Wert höher — und deshalb wächst dort eine andere, artenreichere Pflanzenwelt als in der Umgebung. In den Aushubkegeln fanden Forscher im Schnitt doppelt so viele Moosarten wie im ungestörten Boden, und in Dachsbauen wurden 89 Gliederfüßer-Arten nachgewiesen. Der Dachs verbreitet obendrein Samen — die Kerne der Früchte, die er frisst, landen in seinen Latrinen, weshalb an alten Bauen oft besonders viele beerentragende Sträucher stehen.
Das ist keine Nebensache, sondern der Grund, warum ein alter Bau so wertvoll ist. Ein Dachsbau wird nicht in einer Saison gebaut. Er wächst über Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte, und wenn er einmal zerstört ist, ist er weg. Die Schweizer Forschungsanstalt WSL bringt es auf den Punkt: Dachse reagieren weniger flexibel auf Veränderungen als etwa Füchse, deshalb sollte man ihre Baue, wo es geht, erhalten. Wer eine Dachsburg findet, hat also nicht bloß ein hübsches Fotomotiv gefunden, sondern ein kleines, uraltes Stück Waldgeschichte.
Eine Dachsburg wird nicht in einer Saison gebaut, sondern über Generationen — und wenn sie einmal zerstört ist, ist sie weg.
So sieht ein Dachsbau aus — und so groß ist er wirklich
Fangen wir mit den Zahlen an, denn hier kursieren wilde Angaben, und eine davon ist schlicht falsch. Halte dich an die eindeutigen Quellen. Die Landesforsten Rheinland-Pfalz beschreiben die Dachsburg so: „ein weit verzweigter Bau, dessen Tiefe bis zu 5 Meter und dessen Durchmesser bis zu 30 Meter betragen kann. Die Gesamtlänge des Röhrenlabyrinths kann bis zu 300 (!) Metern betragen“. Das Bundesamt für Naturschutz nennt Wohnkessel in „ungefähr fünf Metern Tiefe“ und bis zu 60 gezählte Eingänge. Wo dir also eine Angabe wie „30 Meter tief“ begegnet, ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verwechslung von Durchmesser und Tiefe — 30 Meter breit, ja; 30 Meter tief, nein. Rechne mit rund 5 Metern Tiefe und einem Durchmesser, der bei großen Anlagen 30 Meter erreichen kann.
Nach oben gibt es kaum eine Grenze. Die offizielle luxemburgische Dachs-Broschüre der Naturverwaltung und des Naturhistorischen Museums beschreibt den „typischen Durchschnittsbau“ mit 3 bis 10 Eingängen, nennt aber auch bekannte Riesenbaue mit über 150 Eingängen und einer Fläche von mehr als 1,75 Hektar, die seit über 100 Jahren bestehen. Solche Baue haben oft zwei bis drei Etagen. Und eine wichtige Warnung gleich vorweg: Die Zahl der Eingänge sagt nichts über die Zahl der Bewohner aus. Ein Loch ist kein Dachs.
Wie erkennst du nun, dass du überhaupt vor so einem Bau stehst? Es gibt eine Handvoll Zeichen, die zusammen ein klares Bild ergeben. StadtWildTiere Schweiz fasst sie knapp zusammen: „Typische Spuren sind Trittsiegel mit Krallenabdruck, häufig begangene Wechsel, Kratzbäume und Latrinen mit mehreren Kotgruben“. Gehen wir sie durch.
- Große Eingänge mit Aushub. Vor jedem Eingang liegt eine — manchmal riesige — Anhäufung von Erde, die der Dachs aus dem Bau befördert hat. Frischer, heller Aushub bedeutet frische Grabtätigkeit.
- Die Rinne (das „Geschleif“). Vom Eingang weg führt eine tief ausgetretene Furche. An den Ein- und Ausgängen einer Dachsburg „finden sich tief ausgetretene Furchen, das sogenannte Geschleif. Sind diese Anzeichen sehr frisch, kann man davon ausgehen, dass der Bau bewohnt ist“. Diese Rinne ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zum Fuchs — dazu gleich mehr.
- Wechsel. Weil oft über Generationen dieselben Wege benutzt werden, entstehen festgetretene Pfade, die vom Bau wegführen — in der Fachsprache Wechsel. Beim Fuchsbau sind sie deutlich weniger ausgeprägt.
- Kratzbäume. In Baunähe steht manchmal ein Baum, dessen Rinde im unteren Teil zerkratzt und abgeschält ist. Warum Dachse kratzen, weiß man nicht genau — möglicherweise ist es ein „besetzt“-Signal an fremde Dachse.
- Polstermaterial und Trittsiegel. Am Eingang liegt oft Gras oder Laub, das der Dachs beim Einschleppen von frischem Bettzeug verloren hat, und im weichen Boden findest du die langkralligen Trittsiegel. Der Abdruck ist unverwechselbar: fünf Zehen dicht beisammen, und die bis zu 2,5 Zentimeter langen Krallen der Vorderpfote zeichnen sich deutlich ab.
Ein Merkmal, das viele überrascht: Vor einem Dachsbau liegen so gut wie keine Beutereste. Der Dachs ist penibel sauber. Vor einem Fuchsbau dagegen liegen — besonders während der Jungenaufzucht — oft Knochen und Reste von Beutetieren herum, mit denen die Jungfüchse spielen. Wer also Federn, Knochen und einen strengen Geruch findet, steht eher an einem Fuchsbau.

Dachsbau oder Fuchsbau? Die eine Frage, die du beantworten musst
Das ist der Knackpunkt der ganzen Übung, denn Dachs und Fuchs teilen sich häufig denselben Bau, und ein Fuchs kann in einem verlassenen Teil einer Dachsburg wohnen. Zum Glück graben die beiden völlig unterschiedlich, und das hinterlässt Spuren, die du auch als Anfänger sicher lesen kannst.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Erde vor dem Eingang. Der Fuchs gehört zu den Hundeartigen und buddelt wie ein Hund: Er nimmt die Erde mit den Vorderpfoten und wirft sie zwischen den Hinterbeinen hindurch nach hinten — so entsteht ein Erdhügel neben dem Eingang. Der Dachs dagegen schaufelt die ausgehobene Erde langsam rückwärts gehend ein Stück vom Eingang weg und hinterlässt dabei „eine Rinne, die zum Eingang führt“. Die luxemburgische Broschüre bringt es in einer Tabelle auf die kürzeste Formel: Aushubrinne beim Dachs „meist gut sichtbar“, beim selbst gegrabenen Fuchsbau „nie“.
Es gibt eine ganze Reihe weiterer Punkte, die dir helfen, und sie lassen sich gut nebeneinanderstellen:
| Merkmal | Dachsbau | Fuchsbau |
|---|---|---|
| Aushub am Eingang | Rinne, die vom Eingang wegführt | Erdhügel vor dem Eingang |
| Geruch am Bau | kaum Geruch | oft strenger, penetranter Geruch |
| Beutereste vor dem Bau | so gut wie nie | oft, vor allem bei Jungenaufzucht |
| Polstermaterial (Gras, Laub) | oft, v. a. Herbst und Frühjahr | nie |
| Wohnkessel | mit Gras, Laub, Moos ausgepolstert | kaum ausgepolstert |
| Wechsel (Trampelpfade) | stark ausgeprägt | schwach ausgeprägt |
| Kot | in kleinen Gruben (Latrinen) in Baunähe | am Eingang oder erhöht abgelegt |
(Merkmalsübersicht nach S27, S23, S29, S28.)
Ein Beispiel dafür, wie eng das beieinanderliegt, lieferte eine seltene Ausgrabung in Bayern. Der Fuchsforscher Christof Janko konnte einen Bau bei Neuburg an der Donau komplett freilegen, bevor dort Kalk abgebaut wurde. Das Ergebnis: 16 Eingänge, rund 500 Quadratmeter Fläche, eine 25 Meter lange Hauptröhre, bis zu 3,3 Meter tief. An Kot, Spuren und Fellresten ließ sich ablesen, dass sowohl Füchse als auch Dachse darin gelebt hatten; einen Dachskessel fand man in 1,5 Meter Tiefe, mit Laub und Ästen ausgepolstert. Genau das ist der Grund, warum du nie nur ein einziges Zeichen nehmen solltest. Ein Loch, ein Trittsiegel, ein Kothaufen — jedes für sich kann täuschen. Erst das Gesamtbild aus Rinne, Wechsel, Latrine und fehlenden Beuteresten macht den Dachsbau sicher.
Ein Loch, ein Trittsiegel, ein Kothaufen — jedes für sich kann täuschen; erst das Gesamtbild macht den Dachsbau sicher.
Die Latrine: das ehrlichste Zeichen im Wald
Wenn du dir aus dieser Anleitung ein einziges Suchbild merkst, dann dieses. Dachse sind auffallend reinlich und verrichten ihr Geschäft grundsätzlich außerhalb des Baus, in kleinen, selbst gegrabenen Gruben — den Dachsabtritten oder Latrinen. Der Deutsche Jagdverband nennt sie in seiner Erfassungsmethode ausdrücklich als eines der Kernmerkmale, mit denen sich Dachsbaue „deutlich von denen der Füchse“ unterscheiden: „muldenförmig gegrabene Gruben … die zum Absetzen der Losung dienen“. Die Gruben sind flach, etwa faustgroß, und die Schweizer WSL beziffert sie mit bis zu 15 Zentimeter Tiefe, in einiger Entfernung vom Bau.
Für dich als Kamerabeobachter ist die Latrine aus zwei Gründen Gold wert. Erstens ist sie ein sehr zuverlässiges Zeichen: Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Dachsvorkommen allein über die Kartierung von Latrinen fast so gut nachweisen lassen wie über aufwändige Telemetrie. Zweitens ist sie ein idealer Standort. StadtWildTiere Schweiz rät ausdrücklich: Ärgere dich nicht über eine solche „Hygieneanlage“ im Garten — „diese Plätze eignen sich hervorragend, um die sonst recht vorsichtigen Wildtiere in ihrer unmittelbaren Umgebung beobachten zu können“.
Was eine Latrine bedeutet, ist allerdings weniger eindeutig, als oft behauptet wird — und hier lohnt Ehrlichkeit. Die klassische, aus der britischen Forschung stammende Deutung lautet: Dachse markieren mit Latrinen an den Reviergrenzen ihr Territorium gegen Nachbar-Clans. Die luxemburgische Broschüre unterscheidet sauber: die faustgroßen Gruben in Baunähe dienen der Hygiene, „weiter vom Bau entfernte Losungsgruben dienen vorrangig der Abgrenzung und Markierung des Reviers“. Eine Schweizer Studie an einer dünn besiedelten ländlichen Population fand dagegen, dass die Latrinen dort nur im Frühling und ausschließlich in Baunähe benutzt wurden — und „also keine Rolle für die Markierung des Territoriums“ spielten. Die Lehre daraus: Nimm die Latrine als sicheres Zeichen für Dachse und als guten Kamerastandort, aber lies nicht automatisch eine Reviergrenze hinein. Was sie bedeutet, hängt von der Region und der Dichte ab.

Die Kamera aufstellen: an den richtigen Eingang, mit Abstand
Jetzt zum Praktischen. Ein Dachsbau hat oft viele Eingänge, aber nicht alle werden gleichzeitig benutzt — die „Aktivitätszentren“ verschieben sich im Bau von Jahr zu Jahr. Das ist die häufigste Anfängerfalle: die Kamera an ein hübsches, aber totes Loch zu hängen. Die Forscher in einer polnischen Feldstudie in Białowieża lösten das, indem sie die Kamera an dem Eingang aufstellten, „der am stärksten benutzt aussah“, und zwar 5 bis 15 Meter davon entfernt. Wo ein Bau viele aktive Eingänge hatte, hängten sie mehrere Kameras auf, eine pro genutztem Eingang. Woran erkennst du den benutzten Eingang? An genau den Zeichen von oben: frischer Aushub, blank getretene Rinne, frisches Polstermaterial, klare Trittsiegel.
Für die Montage gelten die Grundregeln jeder Wildkamera, mit ein paar dachsspezifischen Punkten:
- Abstand halten, leicht nach unten neigen. Ein paar Meter Abstand zum Eingang oder zum Wechsel, die Kamera leicht abwärts geneigt, damit du den flachen, kurzbeinigen Dachs auch wirklich im Bild hast und nicht über ihn hinwegfilmst.
- Auf den Wind achten. Der Dachs sieht schlecht, aber sein Geruchssinn ist hervorragend — „so schlecht … wie bei kaum einer anderen Säugetierart“ ist sein Sehvermögen, dafür riecht und hört er ausgezeichnet. Nähere dich dem Bau und montiere die Kamera gegen den Wind; kommst du gegen den Wind, nimmt er dich womöglich erst spät wahr. Immerhin: Auf das Licht der Kamera reagiert er nur in geringem Maß.
- Störung minimieren, am besten im Winter suchen. Die beste Zeit, einen Bau überhaupt zu finden und einzurichten, ist der Winter, wenn die Vegetation niedrig und die Zeichen gut sichtbar sind. Geh nicht direkt auf den Wechseln, beschädige nichts am Bau, und halte deine Besuche kurz.
Ein Punkt ist keine Frage des Komforts, sondern des Anstands und teils des Rechts: Schütte einen Bau oder einen Eingang niemals einfach zu. Der Kanton Aargau ist da unmissverständlich: „Dachse halten sich tagsüber und über den Winter fast ununterbrochen in ihrem Bau auf. Ein Bau oder dessen Eingang dürfen also keinesfalls einfach zugeschüttet werden“. Willst du wirklich wissen, ob ein Bau noch bewohnt ist, gibt es einen alten, schonenden Trick der Wildhüter: die Eingänge dünn mit Mehl bestreuen und ein, zwei Tage später nachsehen, ob Spuren im Mehl verraten, dass noch jemand ein- und ausgeht.
Der Dachs sieht schlecht, aber er riecht dich lange, bevor du ihn siehst — arbeite immer gegen den Wind.
Was die Bilder verraten: die nächtliche Aktivität lesen

Jetzt kommt der schöne Teil: die Karte auslesen und deuten, was da lebt. Und das erste, was du lernst, ist Geduld. Der Dachs ist streng dämmerungs- und nachtaktiv. Von Frühling bis Herbst zeigt er sich „ausschließlich nachts und in der Dämmerung“; tagsüber ruht er im Bau. Eine Schweizer Telemetrie-Studie fand, dass die Tiere im Mittel etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang ausfahren und rund anderthalb Stunden vor Tagesanbruch zurückkehren; nachts waren sie bei 80 Prozent der Ortungen aktiv, tagsüber nur bei 35 Prozent. Die Ausfahrdauer schwankte stark — zwischen 2,5 und knapp 10 Stunden, im Mittel 6:40 Stunden — und in etwa zwei von drei Nächten legten die Tiere zwischendurch eine rund halbstündige Pause ein.
Für die Deutung deiner Bilder ist die Ausfahrzeit die interessanteste Größe. In der polnischen Studie diente sie ausdrücklich als Messgröße für das Verhalten: der Zeitpunkt, zu dem der erste Dachs am Abend auftaucht, im Verhältnis zum Sonnenuntergang. Am Ende des Sommers erscheinen die Tiere ungefähr zum Sonnenuntergang. Wenn deine Kamera also Nacht für Nacht die erste Ausfahrt protokolliert, kannst du daraus ein Muster bauen — und Veränderungen sind aussagekräftig.
Das Spannende: Es sind nicht die großen Raubtiere, vor denen der Dachs sein Verhalten ändert, sondern wir. Die polnischen Forscher spielten an zehn Dachsbauen Wolfsgeheul über Lautsprecher ab und maßen, ob die Dachse später ausfuhren oder den Bau am nächsten Tag mieden. Das Ergebnis war eindeutig: Sie taten weder das eine noch das andere — die Dachse blieben „furchtlos“ gegenüber dem simulierten Wolf. In einer britischen Vergleichsstudie dagegen reagierten Dachse auf menschliche Stimmen drastisch und verließen den Bau erst, nachdem die Aufnahmen über zwei Stunden verstummt waren. Die Botschaft für dich am Bau: Deine Anwesenheit, dein Geruch, deine Geräusche verändern das Verhalten der Dachse stärker als jeder natürliche Feind. Wer aussagekräftige Aktivitätsdaten will, muss sich unsichtbar machen — und genau dafür ist die Wildkamera das richtige Werkzeug.
Und wie viele Dachse leben nun in „deinem“ Bau? Das lässt sich aus den Bildern nur vorsichtig schätzen, aber es gibt gute Anhaltspunkte. Ein klares Signal sind Jungtiere. In der britischen Feldstudie im Dalby Forest lieferten Baue mit Jungen im Schnitt 504 Videoclips, Baue ohne Junge nur 164 — Jungdachse verbringen viel Zeit vor dem Eingang und produzieren entsprechend viele Aufnahmen. Wenn deine Kamera ab dem späten Frühjahr plötzlich vor Aktivität überquillt und kleine, tapsige Tiere zeigt, ist das ein Wurf. Die Jungdachse erscheinen frühestens mit acht Wochen erstmals vor dem Bau, meist im späten Frühjahr.
Bei der Zahl der erwachsenen Tiere ist Zurückhaltung angebracht — und hier gehen die Quellen bewusst auseinander, weil die Gruppengröße stark von Region und Nahrungsangebot abhängt. Die aus Großbritannien stammende Forschung beschreibt große, gemischte Clans „mit bis zu 30 Individuen“, die ihr Territorium aktiv verteidigen. In Bayern werden je nach Nahrungsangebot Gruppen von 3 bis 30 Tieren genannt, in der Schweiz Familiengruppen von 2 bis 20. Eine Schweizer Studie an einer dünn besiedelten ländlichen Population fand dagegen nur kleine Verbände von 2 bis 3 erwachsenen Tieren plus Jungen. Kurz: Zähl nicht die Eingänge und rechne nicht hoch. Der Dachs lebt als Clan — nach der Deutschen Wildtier Stiftung ähnlich einem Wolfsrudel: zwei Elterntiere, der diesjährige Nachwuchs und die Jungen des Vorjahres. Deine Kamera zeigt dir, ob es ein Einzelbau, ein Paar oder eine ganze Familie ist; die genaue Kopfzahl bleibt eine Schätzung.
Vor dem Wolf blieb der Dachs furchtlos — vor der menschlichen Stimme verkroch er sich zwei Stunden lang im Bau.
Winterruhe, kein Winterschlaf — was das für deine Kamera heißt
Ein verbreiteter Irrtum: Der Dachs halte Winterschlaf. Tut er nicht. Er hält Winterruhe, und der Unterschied ist für deine Beobachtung wichtig. Beim echten Winterschlaf — etwa des Murmeltiers — sinkt die Körpertemperatur drastisch (bis auf wenige Grad), das Herz schlägt kaum noch. Beim Dachs bleiben Körpertemperatur und Herzschlag dagegen weitgehend normal; er schläft zwar viel, zehrt von seiner im Herbst angefressenen Fettschicht, verlässt den Bau aber immer wieder. Man findet Dachsspuren und Kot „auch bei grimmigster Kälte im Schnee“.
Wie stark er sich zurückzieht, hängt vom Wetter ab. In milden Wintern und bei wenig Schnee ist er weiter unterwegs; bei Frost und hoher Schneelage bleibt er oft wochenlang im Bau. Die luxemburgische Broschüre bringt es auf den Kern: Unter mitteleuropäischen Bedingungen ist ein echter Winterschlaf gar nicht nötig — der Dachs „verlässt sogar bei Temperaturen um den Gefrierpunkt noch seinen Bau, um auf Nahrungssuche zu gehen“, und nur bei extremer Witterung ruht er im Bau, dann bis zu drei Monate ohne Nahrung. Für deine Kamera heißt das: Im Hochwinter werden die Auslösungen seltener und unregelmäßiger, aber sie hören nicht ganz auf. Eine leere Nacht bedeutet im Januar nicht, dass der Bau verlassen ist — es kann schlicht zu kalt gewesen sein.

Status und Recht: ein häufiges Tier mit Schonzeit
Zum Schluss der nüchterne Rahmen, denn der Dachs steht im Jagdrecht, und die Regeln sind nicht überall gleich. Um seinen Bestand musst du dir keine Sorgen machen: Das amtliche deutsche Verzeichnis, die Rote Liste der Säugetiere Deutschlands (Ausgabe 2020), führt den Dachs als „Ungefährdet“ — unverändert gegenüber der vorherigen Liste. Nach dem starken Rückgang durch die Baubegasungen der 1970er Jahre ist er heute fast flächendeckend verbreitet, und die Jagdstrecken haben sich in 20 Jahren etwa verdreifacht. Bemerkenswert: Rund ein Drittel dieser Strecke sind Totfunde, überwiegend Verkehrsopfer — der Straßenverkehr ist die größte Bedrohung, nicht der Jäger.
Trotzdem wird der Dachs bejagt, und hier musst du genau hinschauen, denn die Jagdzeiten variieren nach Bundesland. Das Bundesjagdrecht setzt die Jagdzeit auf den 1. August bis 30. Oktober; Bayern etwa nennt den 1. August bis 31. Oktober. Und in Baden-Württemberg darf der Jungdachs zur Schadensabwehr schon ab dem 1. Juni bejagt werden. Wer in Deutschland an einem Bau arbeitet, prüft also das jeweilige Landesjagdgesetz — eine bundesweit einheitliche Season gibt es nicht. In der Schweiz gilt eine Schonzeit während der Jungenaufzucht vom 16. Januar bis 15. Juni; in Österreich regeln die Bundesländer.
Über die Dachsjagd wird gestritten, und das gehört zu einer ehrlichen Darstellung dazu. Der NABU plädiert ausdrücklich für die Abschaffung der Dachsjagd, weil die vielen tausend getöteten Tiere nicht genutzt würden. Auch die europäische Übersichtsarbeit im Journal Animals mahnt zur Vorsicht: Der Dachs wird auf 69,3 Prozent des Kontinents bejagt, teils ganzjährig, und in einem Viertel seines Verbreitungsgebiets fällt die Jagd in die Paarungs- und Aufzuchtzeit — die Autoren empfehlen, die Saison auf höchstens drei Monate im Spätherbst (September bis November) zu begrenzen. Für dich mit der Kamera ist die praktische Konsequenz einfach: Halte dich an die Schonzeiten deines Landes, arbeite störungsfrei, und lass den Bau so, wie du ihn gefunden hast.
Häufig gestellte Fragen
Woran erkenne ich sicher, ob ein Bau ein Dachsbau oder ein Fuchsbau ist?
Am zuverlässigsten am Aushub: Der Dachs hinterlässt eine deutliche Rinne, die vom Eingang wegführt, der Fuchs einen Erdhügel davor. Dazu kommen als Dachszeichen kaum Geruch, keine Beutereste, Polstermaterial vor dem Eingang und in der Nähe Latrinen — beim Fuchs ist es umgekehrt. Nimm nie nur ein Zeichen, sondern das Gesamtbild.
Kann ein Dachs und ein Fuchs im selben Bau wohnen?
Ja, das kommt sogar häufig vor. Der Fuchs zieht als „Untermieter“ in verlassene Teile einer Dachsburg, und meist lässt er die Dachsfamilie in Ruhe. Nur zur Jungenaufzucht sind beide weniger tolerant und teilen einen Bau selten. Unterschiedliche Trittsiegel und Kothaufen verraten dann, wer da ist.
Wann kommt der Dachs abends aus dem Bau?
Meist erst nach Einbruch der Dunkelheit — im Mittel etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, mit Rückkehr rund anderthalb Stunden vor Tagesanbruch. Am Ende des Sommers erscheint er ungefähr zum Sonnenuntergang. Stell die Kamera also auf Nachtbetrieb ein und erwarte tagsüber nichts.
Wie viele Dachse leben in einem Bau?
Das lässt sich aus den Eingängen nicht ablesen — ihre Zahl sagt nichts über die Bewohner aus. Dachse leben als Clan (Elternpaar plus Nachwuchs zweier Jahre), und die Gruppengröße reicht je nach Region und Nahrung von 2 bis 3 Tieren bis zu 30. Viele Videoclips mit kleinen Jungtieren ab dem späten Frühjahr deuten auf einen Wurf hin.
Halten Dachse Winterschlaf?
Nein. Sie halten Winterruhe: Körpertemperatur und Herzschlag bleiben normal, und sie verlassen den Bau in milden Nächten immer wieder zum Fressen und um die Latrine aufzusuchen. Nur bei strengem Frost und viel Schnee bleiben sie oft wochenlang unten.
Darf ich einen Dachsbau für Aufnahmen freilegen oder zuschütten?
Nein. Ein Bau oder Eingang darf keinesfalls zugeschüttet werden — Dachse halten sich fast ununterbrochen darin auf. Der Dachs steht im Jagdrecht mit Schonzeiten, die je nach Land und Bundesland verschieden sind. Beobachte mit Abstand und mit der Kamera, ohne den Bau zu verändern.