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Die Hirschbrunft vor der Kamera: Wann der Rothirsch röhrt und wie du ihn beobachtest

Ein röhrender Rothirsch mit zurückgeworfenem Kopf und sichtbarem Atem im Morgennebel einer Waldlichtung

Es gibt wenige Geräusche im mitteleuropäischen Wald, die einem so unter die Haut gehen wie das Röhren eines Rothirsches an einem kalten Septemberabend. Tief, gepresst, langgezogen — und laut. Der stärkste Ruf eines Hirsches erreicht rund 75 Dezibel, „etwa so laut wie ein Autoauspuff“, wie es die Deutsche Wildtier Stiftung beschreibt. Ein NABU-Beobachter aus dem Taunus bringt es auf den Punkt: „Wer während der Brunft unterwegs ist, der wird von dem kräftigen Röhren des Hirsches gebannt sein … Wenn dann auch noch die Geweihe aufeinander knallen, dann erhöht sich auch schon mal der eigene Puls“.

Die kurze Antwort, falls du nur wissen willst, wann du raus musst: Die Hirschbrunft läuft in Deutschland, Österreich und der Schweiz von September bis Oktober, der Höhepunkt liegt meist von Mitte September bis Anfang Oktober. In den Alpen kann sie später einsetzen — im Nationalpark Berchtesgaden stoßen die Hirsche oft erst im Oktober zum Rudel, während sie in Mecklenburg-Vorpommern klimabedingt rund zwei Wochen früher beginnt als im Süden. Am besten hörst du das Röhren in der Abenddämmerung und den frühen Morgenstunden, wenn es kühl und das Wild am aktivsten ist. Der Rest dieses Textes handelt davon, was das Röhren eigentlich bedeutet, wie der Platzhirsch sein Rudel hält, wann sich die Tiere im Tagesverlauf bewegen — und wie du mit einer Wildkamera die ganze Sache dokumentierst, ohne die Tiere zu stören.

Entweder du röhrst so laut, dass die Kühe kommen und die Rivalen abziehen — oder du verlierst. Der Rothirsch kennt keine halben Signale.

Wann die Brunft stattfindet — und was sie auslöst

Die Lehrbuchantwort ist einfach: Die Paarungszeit des Rotwildes findet in Mitteleuropa im September und Oktober statt. Wenn du dir nur ein Fenster merken willst, dann den Höhepunkt von Mitte September bis Anfang Oktober. Die Deutsche Wildtier Stiftung datiert den Beginn auf Anfang September, mit einer Dauer von fünf bis sechs Wochen; in Österreich brunftet das Rotwild „vorwiegend im September“, wobei die Brunft in allen Höhenlagen zusammen rund zwei bis drei, manchmal vier Wochen dauert.

Der Kalender ist aber nur die grobe Einstellung. Was die Brunft von Tag zu Tag anfeuert, ist das Wetter. „Warme Herbsttage mit Grillwetter lassen die Emotionen auf dem Brunftplatz eher abkühlen. Je kälter die Nächte sind, desto höher ist die Kampfbereitschaft der Hirsche“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. In Österreich gilt dieselbe Faustregel: je kälter, desto intensiver das Brunftverhalten. Es gibt dafür sogar eine hübsche physikalische Erklärung. In kühlen Nächten breitet sich Bodennebel aus, die Pheromone der brünftigen Stücke haften an den Wasserpartikeln und werden weithin übertragen — der Hirsch nimmt sie über das Jacobsonsche Organ auf, und sein Testosteronspiegel steigt weiter.

Die Höhenlage verschiebt das Ganze. In tieferen Lagen beginnt die Brunft etwas früher, in höheren später, oft erst Anfang Oktober. Im alpinen Nationalpark Berchtesgaden stoßen die männlichen Tiere erst im Oktober zum Rudel, und dann „durchhallt … wieder das typische, laute, dumpfe Röhren der Hirsche die Wälder“. Und es gibt ein Nord-Süd-Gefälle innerhalb Deutschlands: In Mecklenburg-Vorpommern beginnt die Brunft „durch klimatische Unterschiede … etwa zwei Wochen früher als in den südlichen Ländern“.

Unter all dem liegt die eigentliche Uhr: die Tageslänge. Die Physiologie des Rothirsches ist streng saisonal und hormonell gesteuert. Der Testosteronspiegel erreicht seine Spitze kurz vor der Brunft und löst die Spermienbildung aus — bei alten Hirschen beginnt diese schon im Juli und endet erst im Februar. Männchen mit höherem Testosteron haben nicht nur größere Hoden und bessere Spermienqualität, sondern auch stärkere Geweihe und mehr Ausdauer, zahlen aber mit geschwächter Abwehr gegen Parasiten — ein ehrliches Signal, weil sich billige Tricks hier rächen. Wichtig für den Beobachter: Die Hirsche kommen vor den Kühen in Brunftstimmung. Es sind die männlichen Hormone, die das Verhalten auslösen, nicht die Duftstoffe der Weibchen.

Dass Witterung und Ernährung das Timing verschieben, zeigt auch die Forschung — allerdings vor allem an südeuropäischem Rotwild, das man nicht eins zu eins auf die DACH-Region übertragen sollte. Eine 22-jährige Studie im spanischen Doñana-Nationalpark fand, dass schlechtere Vegetation in trockenen Jahren die Körperkondition verschlechtert, die Brunft verzögert und die Reproduktionsrate senkt. Eine 25-jährige Auswertung derselben Region zeigte, dass abnehmender Niederschlag zu einer verzögerten und schwächeren Brunft mit niedrigeren Röhrraten führt. Für das kühlere Mitteleuropa gilt eher der umgekehrte Antrieb — die kalten Nächte, die die Kampfbereitschaft anheizen —, aber das Grundmuster ist dasselbe: Kondition und Witterung stellen die Feinabstimmung, das Licht stellt die grobe Uhr.

Der Kalender ist nur die grobe Einstellung. Die kalten Nächte drehen die Lautstärke auf — aber das schwindende Herbstlicht bestimmt, dass die Brunft überhaupt jetzt fällt.

Das Röhren: was es ist und was es verrät

Ein Hirschröhren ist nicht bloß Lärm. Es ist ein Signal mit zwei Empfängern zugleich: den Kühen, die angelockt, und den Rivalen, die eingeschüchtert werden sollen. „Wer am lautesten über den Brunftplatz rufen kann, hat auch den mächtigsten Brustkorb, der als Resonanzkörper fungiert. Unüberhörbar dröhnt der tiefe, gepresste und langgezogene Ruf“, beschreibt es Rothirsch.org.

Geht man näher an den Laut heran, steckt Struktur darin. Eine detaillierte Analyse frei lebender Rothirsche zeigt, dass die Rufe in Serien kommen, aus zwei Typen zusammengesetzt: lange Rufe mit hoher Grundfrequenz, die weit tragen, und kürzere Rufe mit tieferer Grundfrequenz, bei denen die Resonanzen des Vokaltrakts klar hervortreten. Genau diese tiefen, resonanten Rufe sind interessant, denn sie verraten die Körpergröße. Beim Röhren zieht der Hirsch seinen Kehlkopf bis zum Brustbein herab, verlängert damit den Vokaltrakt und senkt die sogenannten Formanten — und diese Formanten sind ein zuverlässiger, kaum fälschbarer Hinweis auf die Größe des Tieres. Eine Kuh — und ein Rivale — hört also den Unterschied zwischen einem Teenager-Hirsch und einem ausgewachsenen Platzhirsch, lange bevor sie ihn sehen.

Ein interessantes Detail für alle, die glauben, hoch und schrill sei schwach: Ein Playback-Experiment mit brünftigen Hirschen ergab, dass sich die Männchen von der reinen Tonhöhe (der Grundfrequenz) eines fremden Röhrens gar nicht beeindrucken ließen — für die Rivalen zählt die Körpergröße im Klang, also die Formanten, nicht die Tonhöhe. Brünftige Kühe dagegen bevorzugen eher höhere Grundfrequenzen. Röhren richtet sich eben an zwei Zuhörergruppen mit unterschiedlichem Geschmack. Und es ist anstrengend: Die Stimme des Hirsches wird im Lauf der Brunft tiefer, er wird regelrecht heiser.

All das erklärt die merkwürdige Choreografie, die man oft vor einem echten Kampf sieht. Taucht ein kampfwilliger Konkurrent auf, schreiten die Hirsche im Imponierschritt parallel zueinander, um sich gegenseitig die Breitseite zu zeigen — ganz ohne Körperkontakt. Erst wenn beide standhaft bleiben, prallen sie frontal mit den Geweihen aufeinander und schieben sich über den Brunftplatz. Der Kampf ist die letzte Instanz, die „ultima ratio“, denn er ist enorm anstrengend und gefährlich — das Zusammenkrachen der Geweihstangen ist oft hunderte Meter weit zu hören. Dass es meist beim Drohen bleibt, hat einen guten Grund: Ein Geweih ist bis zu dreimal widerstandsfähiger als normaler Knochen, und ein Hirsch mit gebrochenem Geweih verliert mehr Kämpfe und rutscht in der Rangordnung ab.

Ein Platzhirsch treibt ein Rudel Kühe über eine offene, nebelverhangene Fläche im Morgengrauen

Der Platzhirsch, das Rudel und der Brunftplatz

Hier ein wichtiger Unterschied, der den Rothirsch vom Rehbock trennt: Der Rothirsch verteidigt kein Revier. Er versucht stattdessen, ein Rudel Kühe für sich zu gewinnen, das er zusammenhält und gegen Rivalen verteidigt — Rotwild ist nicht territorial. Ein Hirsch, dem das gelingt, ist der Platzhirsch. Und die Brunftplätze selbst? Die werden meist von den Hirschkühen ausgewählt, nicht vom Hirsch. Der Platzhirsch kommt zum Rudel, nicht das Rudel zu ihm.

Es ist ein anspruchsvoller Posten, und er ist an ein Alter gebunden. Mit ungefähr sechs Jahren kann ein Hirsch zum Platzhirsch werden; ein Brunftrudel halten in der Regel die ausgewachsenen, etwa sechs- bis zwölfjährigen Tiere über die rund dreiwöchige Brunft. In gut strukturierten Beständen beteiligen sich Hirsche erst ab etwa fünf Jahren ernsthaft an der Fortpflanzung — sind genug alte Hirsche da, kommen die mittelalten gar nicht zum Zug. Der Platzhirsch markiert seinen Platz mit Urin und einem Sekret aus der Voraugendrüse, dessen Geruch sogar wir Menschen wahrnehmen können. Währenddessen lauern ständig jüngere Beihirsche am Rand des Rudels, die eine Kuh abfangen oder schnell beschlagen wollen, wenn der Platzhirsch mit einem Rivalen beschäftigt ist.

Das Timing macht es hektisch. Und die Forschung dazu ist überraschend präzise. Eine GPS-Studie fand, dass rund 60 Prozent der Kühe zwischen dem 31. August und dem 19. September beschlagen wurden, und dass sich die Bewegungsaktivität der Hirsche über die Brunft deutlich veränderte. Früh in der Brunft steckt der Hirsch seine Energie ins Zusammenhalten des Harems (harem herding); später, wenn weniger Kühe brünftig sind, steigt seine Bewegung, weil er nun aktiv nach den letzten empfänglichen Kühen sucht (searching behaviour). Eine Kuh ist dabei nur kurz — 24 bis 48 Stunden — fruchtbar. Für dich am Kamerastandort heißt das: Ein Kamerastandort, der anfangs wenige, stationäre Tiere fängt, kann in der zweiten Brunfthälfte plötzlich wandernde Hirsche zeigen.

All das hat einen Preis, der sich beziffern lässt. Als Platzhirsch frisst er fast nichts, verzichtet auf Schlaf und Äsung. Rothirsch.org und die Deutsche Wildtier Stiftung setzen den typischen Verlust auf bis zu 20 Prozent des Körpergewichts; der NABU nennt für die intensive Phase bis zu 30 Prozent, und aus Österreich heißt es, Hirsche verlören „bis zu einem Drittel ihres Gewichts“. Eine GPS-Studie an ungarischem Rotwild bezifferte den mittleren Masseverlust adulter Hirsche auf rund 19,5 Prozent. Am Ende der Brunft können einzelne Hirsche so geschwächt sein, dass sie eingehen — die Jäger nennen das „Hirschnot“.

Zum Bild gehört zuletzt der Geruch. Der Hirsch wälzt sich in selbst aufgewühlten Erdkuhlen, in die er uriniert, und mischt so Schlamm mit Harn zu einem „Hirsch-Parfüm“ — die moschusähnlichen Duftstoffe im Harn beeinflussen das Paarungsverhalten der Kühe. Das ist keine zufällige Sauerei, sondern Kommunikation: Die Suhle ist Abkühlung und Duftmarke zugleich. Findest du eine frische Suhle mit aufgewühlter Erde und schwerem Geruch, stehst du an einem der besten Orte überhaupt, um die Brunft zu verstehen — und zu fotografieren.

Die Suhle ist keine zufällige Sauerei. Sie ist Abkühlung und Parfüm zugleich — ein Aushang, der jedem, der vorbeikommt, „großer, potenter Hirsch“ zuruft.

Wann sich die Tiere im Tagesverlauf bewegen

Zwei Rothirsche stehen im Imponierschritt parallel zueinander und zeigen sich die Breitseite vor einem Kampf

Wenn du Rothirsche in der Brunft sehen oder filmen willst, ist die Tageszeit fast so wichtig wie die Jahreszeit. Rotwild ist ursprünglich tagaktiv, verlagert seine Aktivität bei Störung aber in Dämmerung und Nacht. Ein Blick in die Telemetrie macht das konkret: Die Tagesaktivität von Rotwild zeigt Spitzen kurz nach Sonnenaufgang und um Sonnenuntergang. Genau in diesem Zwielicht ist auch das Röhren am eindrücklichsten — im Nationalpark Berchtesgaden „ist das Röhren der brünftigen Hirsche im Herbst in der Abenddämmerung im Klausbachtal oftmals deutlich zu hören“.

Warum viele Hirsche trotzdem vor allem nachts unterwegs sind, hat einen unangenehmen Grund. Eine GPS-Studie an 15 Rothirschen im Südschwarzwald fand, dass die Tiere Erholungswege und die nahen Äsungsflächen tagsüber mieden, sie nachts aber sogar bevorzugt nutzten. Anders gesagt: Das Rotwild kann Wanderer nicht von Jägern unterscheiden und schiebt die Aktivität in die Dunkelheit. Und — anders als der nordamerikanische Wapiti — gewöhnt sich europäisches Rotwild nicht an menschliche Präsenz. In der Brunft kann der Hormondruck die Vorsicht allerdings zeitweise überlagern, weshalb gerade jetzt selbst scheue Stücke am Tag zu sehen und zu hören sind.

Es gibt auch ein Muster über die Brunft hinweg, das sich lohnt zu kennen und das die Kamera-Praxis direkt betrifft. Früh in der Brunft bindet das Zusammenhalten des Harems die Bewegung; später, wenn nur noch wenige Kühe brünftig sind, sucht der Hirsch aktiv und legt mehr Strecke zurück. Wenn dein Kamerastandort also gegen Ende plötzlich einen Hirsch fängt, der weiter und mehr wandert, ist das kein Zufall — das ist die zweite Phase der Brunft.

Eine Wildkamera an einem Baumstamm ausgerichtet auf einen offenen Brunftplatz im Wald

Wo du die Brunft in DE/AT/CH erleben kannst

Rotwild kommt in Deutschland heute mit rund 200.000 Stück vor, allerdings zusammengedrängt in etwa 140 Rotwildbezirke, in denen es nur noch rund 28 Prozent seines ursprünglichen Lebensraums hat. Trotzdem lässt sich die Brunft vielerorts erleben — an manchen Stellen besonders gut und ungestört:

OrtRegionWarum es sich lohnt
Nationalpark Bayerischer WaldDE (Bayern)„Eines der imposantesten Naturschauspiele“; kostenlose, ranger-geführte Wanderungen zum Brunftgeschrei
Nationalpark BerchtesgadenDE (Bayern, Alpen)Röhren „in der Abenddämmerung im Klausbachtal oftmals deutlich zu hören“; alpine Kulisse
Nationalpark Vorpommersche BoddenlandschaftDE (Mecklenburg-Vorpommern)Offene Dünenlandschaft; Beobachtung von Aussichtsplattformen am Darßer Ort/Pramort
Nationalpark SchwarzwaldDE (Baden-Württemberg)Prozessschutzzone, in der Rotwild wieder natürliches Verhalten zeigt
Schweizerischer NationalparkCH (Engadin)~2000 Hirsche; Brunft eine Hauptattraktion; Beobachtung im Val Trupchun, Val Mingèr, Murtersattel
Nationalpark KalkalpenAT (Oberösterreich)Geführtes „Hirschlos'n“: mit Ranger den Brunftrufen in den Bergwäldern lauschen

Ein gemeinsamer Zug: Das Wild sucht sich offene Flächen als Brunftplätze, wo der Platzhirsch seine Kühe überblicken kann — und wo du sie aus der Distanz sehen und hören kannst. Im Schweizerischen Nationalpark gewöhnen sich die Hirsche wegen des strikten Wegegebots so an die Gäste, dass sie „auch tagsüber und während der Brunft gut“ zu beobachten sind. Und wer es lieber geführt mag: Sowohl im Bayerischen Wald als auch im Kalkalpen-Nationalpark begleiten dich Ranger zur richtigen Tageszeit ans richtige Fleckchen.

Das Wild wählt die offene Fläche, nicht du. Der Platzhirsch stellt sich dorthin, wo er seine Kühe überblickt — und wo du ihn aus sicherer Distanz erleben kannst.

Wie du die Brunft mit der Wildkamera festhältst

Eine aufgewühlte Suhle mit Schlammspuren im Waldboden, wo sich Rothirsche während der Brunft wälzen

Eine Wildkamera ist der naheliegende Weg, die Brunft zu verfolgen — gerade weil sie dann arbeitet, wenn du dich besser fernhältst: in der Dämmerung, nachts und zu den Bedingungen der scheuen Tiere. Es gibt zwar keine offizielle DACH-Anleitung speziell für die Rotwildbrunft, aber es gibt eine ausgezeichnete behördliche Fotofallen-Anleitung aus dem bayerischen Rotwildprojekt, und die liefert konkrete, übertragbare Grundregeln.

Höhe und Ausrichtung. Für die zuverlässige Erkennung von Rotwild hat sich eine Montagehöhe von 50 Zentimetern über dem Boden bewährt — das erfasst auch viele kleinere Arten mit. Richte die Kamera nach nüchterner Behördenempfehlung nach Norden (mit rund 10 Grad Spielraum) aus, denn diese standardisierte Ausrichtung beugt einer Störung durch Gegenlicht vor. Wichtiger noch als die exakte Himmelsrichtung ist das Prinzip dahinter: Vermeide, dass die tief stehende Sonne der Morgen- und Abenddämmerung direkt in die Linse scheint. Achte auf ein freies Sichtfeld von mindestens fünf Metern, halte die Sichtachse parallel zum Gelände und sorge dafür, dass auf mindestens einem Drittel der Bildfläche Boden zu sehen ist.

Wähle den Ort nach dem Verhalten. Die stärksten Standorte sind die, die das Wild ohnehin aufsucht: der Brunftplatz auf der offenen Fläche, die frische Suhle mit aufgewühltem, streng riechendem Schlamm und die Wechsel zwischen den Tageseinständen im Wald und den offenen Äsungsflächen. Rotwild ist dabei ortsstetiger, als man denkt. Zwei deutsche GPS-Studien zeigen erstaunlich kleine Streifgebiete: im Nationalpark Schwarzwald im Jahresmittel 949 Hektar bei Hirschen und 543 Hektar bei Alttieren, mit einer Kontinuität von Jahr zu Jahr von 66 Prozent (Hirsche) bzw. 75 Prozent (Alttiere). Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr lag die Hälfte aller Ortungen sogar auf nur rund 34 Hektar (Alttiere) bzw. 75 Hektar (Hirsche) — die Tiere nutzen die Hälfte ihrer Zeit nur etwa 10 bis 20 Prozent ihres Streifgebiets. Für dich heißt das: Eine Kamera an einem klaren Wechsel oder einer bekannten offenen Fläche fängt weit mehr als eine aufs Geratewohl platzierte.

Stell auf Dämmerung und Nacht ein. Rechne mit Aktivitätsspitzen um Sonnenaufgang und in der Abenddämmerung und damit, dass ein großer Teil der Bewegung im menschgeprägten Landschaftsbild nach Einbruch der Dunkelheit stattfindet. Für die Nacht empfiehlt die Anleitung, den Infrarot-Blitz mit maximaler Intensität ausleuchten zu lassen. Moderne Wildkameras schalten in der Dämmerung auf Schwarz-Weiß und ab völliger Dunkelheit auf die Infrarot-LEDs — ein unsichtbarer Infrarotblitz (etwa 940 nm) verrät den Standort nicht, während ein sichtbarer Weißblitz zwar scharfe Farbbilder liefert, aber das Versteck preisgibt und daher nur an sehr abgelegenen Stellen taugt. Für scheues Wild in der sensiblen Brunft ist der unsichtbare Infrarotblitz die richtige Wahl. Stell außerdem die kürzeste Verzögerung zwischen den Auslösungen und die maximale Bilderserie ein, damit du ein vorbeiziehendes Brunftrudel vollständig erfasst.

Denk an die Praxis. Schnell wachsende Vegetation oder im Wind bewegte Zweige im Erfassungsbereich führen zu vielen Fehlauslösungen und füllen die Speicherkarte rasch. Mit Lithiumbatterien verdoppelst du gegenüber Alkaline die Laufzeit — praktisch, wenn die Kamera wochenlang für ein paar Sekunden Brunftdrama draußen hängt. Und beachte den Datenschutz: Eine Wildkamera erfasst potenziell auch Menschen — informiere dich vor dem Aufstellen über die geltenden Regeln.

Und das Wichtigste: Stör nicht. Die Brunft ist eine verletzliche Zeit. Schon eine einzige Person pro Woche, die ein Rotwildgebiet betritt, reicht laut dem Biologen Dr. Sebastian Hoffmann aus, dass das Wild dieses Gebiet um mindestens 300 bis 500 Meter meidet. Rotwild kann Wanderer nicht von Jägern unterscheiden und weicht in die Nacht aus. In vielen Schutzgebieten gilt deshalb ein striktes Wegegebot, und Beobachten und Fotografieren ist nur vom Weg oder von Aussichtsplattformen aus erlaubt — im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft sind die Wege um die Buchhorster Maase vom 1. September bis Ende Oktober sogar ganz gesperrt, damit die Tiere Ruhe finden. Halte dich daran: Bau die Kamera am besten mitten am Tag auf, wenn das Wild nicht da ist, nähere dich in den Wind und halte großen Abstand. Und geh nie dem Röhren in dichte Bestände hinterher — du verscheuchst die Tiere meist nur. Verantwortungsvolle Beobachtung heißt, das Wohl des Tieres über das Foto zu stellen und zu akzeptieren, dass eine Beobachtung eben auch mal ausfällt.

Gerade weil die Kamera wochenlang für ein paar Sekunden draußen steht, ist die große Arbeit danach das Aussortieren der Bilder, die wirklich zählen.

Die Kamera arbeitet dann, wenn du dich besser fernhältst — in der Dämmerung, nachts, zu den Bedingungen der scheuen Tiere. Das ist der ganze Sinn.

Häufig gestellte Fragen

Wann ist die Hirschbrunft in Deutschland?

Sie läuft von September bis Oktober, mit dem Höhepunkt meist von Mitte September bis Anfang Oktober. In tiefen Lagen beginnt sie früher, in den Alpen später (teils erst im Oktober), und im Nordosten rund zwei Wochen vor dem Süden.

Warum röhrt der Rothirsch?

Das Röhren hat zwei Adressaten zugleich: Es lockt die Kühe und schüchtert Rivalen ein. Die tiefen, resonanten Rufe verraten außerdem die Körpergröße des Hirsches, sodass Kühe wie Rivalen „hören“, wie groß der Kerl hinter dem Laut ist — ein kaum fälschbares, ehrliches Signal.

Zu welcher Tageszeit hört man das Röhren am besten?

Um Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Rotwild hat seine Aktivitätsspitzen kurz nach Sonnenaufgang und um Sonnenuntergang, und in der Abenddämmerung ist das Röhren am eindrücklichsten.

Wie viel Gewicht verliert ein Brunfthirsch?

Ein Platzhirsch verliert typischerweise bis zu 20 Prozent seines Körpergewichts, unter härtestem Druck bis zu einem Drittel, weil er fast nichts frisst und ständig in Bewegung ist. Eine GPS-Studie maß im Mittel rund 19,5 Prozent.

Was ist ein Platzhirsch?

Ein Hirsch, der stark genug ist, ein Rudel Kühe für sich zu gewinnen und gegen Rivalen zu verteidigen. Anders als der Rehbock verteidigt der Rothirsch kein Revier, sondern hält ein Harem zusammen und jagt andere Hirsche weg. Diese Rolle übernehmen meist Tiere ab etwa fünf bis sechs Jahren.

Wie stelle ich die Wildkamera für die Brunft ein?

Montiere sie rund 50 cm über dem Boden mit freiem, zum Gelände parallelem Sichtfeld und vermeide direktes Gegenlicht der tief stehenden Sonne. Stell nachts den Infrarot-Blitz auf volle Intensität, wähle die kürzeste Auslöseverzögerung und die maximale Bilderserie und nutze einen unsichtbaren Infrarotblitz statt eines Weißblitzes, um das scheue Wild nicht zu verraten.