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Reh, Rothirsch oder Damhirsch? So erkennst du die drei Hirschartigen auf dem Kamerabild

Rothirsch, Damhirsch und Reh stehen gemeinsam in einer Wald-Feld-Mosaiklandschaft im Morgenlicht, der Größenunterschied vom großen Rothirsch bis zum kleinen Reh deutlich sichtbar

Es gibt einen Denkfehler, der so tief in unserer Kultur steckt, dass ihn die meisten Menschen für Wissen halten: Das Reh sei die Frau vom Hirsch. Ist es nicht. Reh und Rothirsch sind zwei verschiedene Arten, so verschieden wie Katze und Löwe, und sie bekommen keinen gemeinsamen Nachwuchs. Schuld an dem Missverständnis ist ausgerechnet ein Zeichentrickfilm. Der kleine Bambi war im amerikanischen Original nämlich gar kein Reh — Rehe gibt es in Nordamerika nicht —, sondern ein junger Weißwedelhirsch. In der deutschen Synchronfassung wurde daraus ein Rehkitz, während Bambis stattlicher Vater ein amerikanischer Hirsch blieb. Seitdem ist die Verwirrung perfekt.

Auf einem Wildkamera-Bild wird aus diesem alten Kulturirrtum ein handfestes Bestimmungsproblem. Drei Hirschartige leben in Mitteleuropa frei und jagdbar in unseren Wäldern: das Reh (Capreolus capreolus), der Rothirsch (Cervus elaphus) und der Damhirsch (Dama dama). Alle drei sind im Sommer rotbraun, im Winter graubraun, und alle drei tragen — jedenfalls die Männchen — ein Geweih. Die gute Nachricht: Wenn du weißt, worauf du achten musst, kannst du sie fast immer auseinanderhalten, oft schon an der Silhouette allein. Und genau das brauchst du nachts, wenn deine Kamera nur ein Schwarz-Weiß-Bild im Infrarotlicht liefert und die Farbe komplett wegfällt.

Fangen wir mit dem einen Merkmal an, das über alles andere gewinnt.

Größe zuerst: die Reihenfolge, die fast alles trägt

Wenn du dir nur ein einziges Merkmal merken willst, dann dieses. Die drei Arten unterscheiden sich in der Körpergröße so deutlich, dass die Größe für sich genommen die meisten Bestimmungen erledigt — vorausgesetzt, du hast im Bild irgendeinen Maßstab.

Das Reh ist unsere kleinste Hirschart. Es bringt gerade einmal 15 bis 32 kg auf die Waage und misst 55 bis 84 cm Schulterhöhe. Das ist etwa ein Zehntel des Gewichts eines starken Rothirschs. Rehe wirken schmal, fast zierlich, mit im Verhältnis zum Körper auffallend langen Beinen. Ein Detail, das Jäger seit jeher nutzen: Beim Reh liegt die Kruppe — das Hinterteil — höher als die Schulter. Man nennt es den „Schlüpfertypus", weil dieser Bau dem Reh hilft, blitzschnell ins nächste dichte Unterholz zu springen und dort zu verschwinden. Auf einem Foto erkennst du das an der leicht nach vorn abfallenden Rückenlinie.

Der Rothirsch steht am anderen Ende. Er ist die größte freilebende Wildart Deutschlands — das größte an Land lebende Säugetier, das wir haben. Ein Hirsch erreicht bis zu 250 kg und eine Schulterhöhe von 120 bis 150 cm; die Hirschkühe sind kleiner, bis etwa 120 cm. Der ganze Körper wirkt massig und kräftig, mit einem langen, dicken Hals — beim männlichen Tier zur Brunft im Herbst noch zusätzlich betont durch eine mächtige Mähne. Wo ein Reh durchs Bild „schlüpft", zieht ein Rothirsch hindurch wie ein Pferd.

Ein ausgewachsener Rothirsch ist im Körper vier- bis fünfmal größer als ein Reh — an dieser einen Zahl kannst du die meisten Bilder aufhängen.

Der Damhirsch sitzt genau dazwischen, und das ist praktisch, weil es ihn oft schon durch Ausschluss verrät. Mit einer Schulterhöhe um 80 bis 100 cm und einem Gewicht bis etwa 120 kg ist er deutlich kleiner als der Rothirsch, aber deutlich größer und kräftiger als das Reh. Wenn ein Tier für ein Reh zu wuchtig, für einen Rothirsch aber zu gedrungen aussieht, bist du fast immer beim Damwild. Zwei Dinge helfen zusätzlich: Damwild hat einen auffallend langen Schwanz (den „Wedel") mit schwarzer Oberseite — länger als bei den beiden anderen. Und Damwild flüchtet manchmal in charakteristischen Prellsprüngen, bei denen sich das Tier mit allen vier Beinen zugleich vom Boden abstößt, fast wie ein Gummiball. Erwischt deine Kamera eine Serie solcher Sprünge, ist die Sache klar.

Der Haken an der Größe ist offensichtlich: Ohne Referenz im Bild ist ein einzelnes Tier vor neutralem Hintergrund schwer einzuschätzen. Deshalb lohnt es sich, beim Aufstellen der Kamera auf ein paar feste Bezugspunkte zu achten — ein bekannter Baumstamm, ein Zaunpfahl, ein Wildwechsel-Durchlass. Steht ein Tier daneben, hast du sofort einen Maßstab. Und wenn mehrere Tiere im Bild sind, hilft schon der Vergleich untereinander: Rehe ziehen im Sommer meist einzeln oder als Ricke mit Kitzen; ein größeres Rudel deutet eher auf Rot- oder Damwild.

Das Geweih: der Königsbeweis — wenn ein Männchen im Bild ist

Trägt das Tier auf deinem Bild ein Geweih, hast du das sicherste Einzelmerkmal überhaupt. Denn die drei Arten tragen drei komplett verschiedene Geweihformen — und diese Dreiteilung ist keine Feld-Faustregel, sondern lässt sich bis in die Stammesgeschichte der Hirsche zurückverfolgen.

Das Reh trägt das kleinste Geweih Europas, unter Jägern „Gehörn" genannt. Es besteht aus zwei kurzen, rundlichen Stangen, die je nach Region bis etwa 20 cm lang werden und bei einem alten Bock höchstens drei Enden pro Stange haben. Es ist auch im Verhältnis zum Körper klein und leicht — ein Rehgehörn wiegt kaum 600 g. Auf dem Bild siehst du keine Verzweigungen, keine Krone, nur zwei schlanke Spieße mit ein paar Sprossen. Merk dir das als Regel: Ein winziges, unscheinbares Geweih an einem kleinen Tier heißt fast immer Rehbock.

Reh gegabelt, Rothirsch verzweigt, Damhirsch schaufelförmig — drei Arten, drei völlig verschiedene Geweihe, die bis in die Stammesgeschichte zurückreichen.

Der Rothirsch trägt das genaue Gegenteil: ein imposantes, hoch verzweigtes Stangengeweih mit bis zu 14 Enden bei einem alten Hirsch. Wissenschaftlich sitzen an jeder Stange gepaarte untere Sprossen — Aug-, Eis- und Mittelsprosse —, dazu oben eine mehrspitzige Krone. Das Ganze kann bis zu 15 kg wiegen und im Alter über einen Meter lang werden. Auf dem Foto ist es unverwechselbar: viele einzelne, spitze Enden, die wie ein verzweigter Ast in die Höhe stehen.

Der Damhirsch wiederum trägt das dritte Modell — die Schaufel. Sein Geweih ist an den oberen Stangen breit und flach wie eine Handfläche ausgeformt, palmat, ganz anders als die spitzen Verzweigungen des Rothirschs. Wichtig für die Bestimmung: Diese Schaufel entwickelt sich erst mit dem Alter. Ein junger Damhirsch trägt zunächst schmale Stangen und arbeitet sich über mehrere Jahre von der Spießer- über die Löffler- und Halbschaufler- bis zur Vollschaufler-Form hoch. Ein junger Dambock kann also noch keine ausgeprägte Schaufel haben — dann musst du wieder über die Körpergröße gehen. Aber sobald die Schaufel da ist, gibt es keinen Zweifel: Kein Reh und kein Rothirsch trägt so ein breites, abgeflachtes Geweih.

Zwei Fallstricke solltest du kennen, sonst führt dich das Geweih in die Irre.

Erstens: Nur Männchen tragen Geweih. Rehgeißen, Hirschkühe (das „Kahlwild") und Damtiere sind allesamt geweihlos. Ein Tier ohne Geweih ist also keineswegs automatisch ein Reh — es kann genauso gut eine Hirschkuh oder ein Damtier sein. Bei antlerlosen Tieren zählt wieder nur die Größe.

Zweitens: Auch Männchen sind wochenlang geweihlos. Alle drei Arten werfen ihr Geweih jährlich ab und schieben ein neues. Und sie tun es zu unterschiedlichen Zeiten — was dir sogar helfen kann, die Jahreszeit einzuordnen. Der Rehbock wirft im Herbst ab und lässt das neue Gehörn ausgerechnet über den harten Winter wachsen — eine Besonderheit unter den heimischen Cerviden. Der Rothirsch wirft von Ende Februar bis April ab und baut die volle Pracht erst bis zum Frühherbst wieder auf. Der Damhirsch wirft im März/April, wobei junge Böcke ihr erstes Geweih schon im Mai/Juni verlieren, also früher als die alten. Wenn du im späten Frühjahr also einen kapitalen Hirsch ohne oder mit weichem, „kolbigem" Bastgeweih siehst — das ist normal, kein anderes Tier.

Ein Rothirsch mit hoch verzweigtem Geweih steht seitlich in einer herbstlichen Waldlichtung

Der Spiegel und der Kopf: was verrät sich, wenn kein Geweih da ist

Sitzt keine Trophäe auf dem Kopf — weil es ein weibliches Tier ist oder gerade Abwurfzeit —, wanderst du zu den nächstbesten Marken: dem Spiegel am Hinterteil und der Zeichnung im Gesicht.

Als Spiegel bezeichnet man den hellen Fleck am Po, den alle drei Arten tragen — aber unterschiedlich. Beim Reh ist er weiß und fällt vor allem im Winterfell deutlich auf; bei Gefahr kann das Reh die Spiegelhaare aufstellen, sodass der Fleck regelrecht aufblitzt und größer wirkt. Ein zweites Detail, das viele übersehen: Der Rehbock trägt oft einen weißen Fleck am Kinn, und rund um die schwarze Nase sitzt eine helle Zeichnung. Auf einem scharfen Nahbild ist das ein hübscher Zusatzbeweis.

Der Damhirsch hat den auffälligsten Spiegel der drei: ein weißes Feld, das schwarz umrahmt ist, und darüber den langen, oberseits schwarzen Wedel, der sich messerscharf davon abhebt. Dieser Kontrast ist kein Zufall — der Schwanz dient der Verständigung im Rudel. In Ruhe hängt er locker herab; bei Aufmerksamkeit hebt das Tier ihn waagrecht; auf der Flucht stellt es ihn steil auf, und das schwarze Signal vor weißem Grund leuchtet den anderen förmlich hinterher. Wenn du auf dem Bild ein umrandetes weißes Feld mit deutlich abgesetztem dunklem Schwanz siehst, denk zuerst an Damwild.

Beim Kopf lohnt der Blick auf die Augen — jedenfalls, wenn das Tier frontal in die Kamera schaut. Das Reh hat das, was man sprichwörtlich „Rehaugen" nennt: große, dunkle, eng beieinanderliegende Augen in einem zierlichen Gesicht mit kleiner Stupsnase. Genau dieses Kindchenschema löst den berühmten „Bambi-Effekt" aus. Der Rothirsch dagegen hat im Verhältnis kleinere Augen, die weiter auseinander und seitlicher am Kopf sitzen, was ihm einen nüchterneren, weniger niedlichen Ausdruck gibt. Auf einem gestochenen Frontalbild ist das ein feiner, aber echter Unterschied.

Ein Damhirsch im Profil trägt das breite, schaufelförmige Geweih, das sichere Kennzeichen des Damwilds

Fährten und Losung: wenn das Tier selbst nicht im Bild ist

Manchmal löst die Kamera zu spät aus, und du hast nur noch den Boden — oder du gehst dein Revier ab und findest Spuren. Auch hier lassen sich die drei Arten ordnen, und das Prinzip ist dasselbe wie beim ganzen Tier: über die Größe.

Alle drei Hirschartigen sind Paarhufer, hinterlassen also den typischen zweigeteilten Tritt aus zwei Schalen. Das unterscheidet sie sofort von den Zehengängern wie Fuchs, Luchs oder Hund. Ein nützlicher Nebenhinweis: Steht neben dem Zwei-Schalen-Tritt noch der Abdruck zweier kleiner Ballen dahinter — der Afterklauen —, die fast immer den Boden berühren, dann ist es kein Hirsch, sondern ein Wildschwein.

Innerhalb der drei Hirschartigen entscheidet die Größe des Tritts:

ArtTritt (grober Anhalt)Merksatz
Reham kleinsten, ~3–4 cm lang„unsere kleinste Hirschart (bis 30 kg)"
Damhirschmittel, ~5–7 cmForm ähnlich wie Rothirsch, aber kleiner
Rothirscham größten, ~7–9 cm„deutlich größer und dadurch gut zuzuordnen"

Wie die Ratgeber der Deutschen Wildtier Stiftung es formulieren: Der Tritt des Damhirschs „hat eine ähnliche Form wie der von Damhirschen" — gemeint ist, dass Rot- und Damwild-Tritte sich in der Form gleichen und allein durch die Größe getrennt werden; der Rothirsch-Tritt ist schlicht der deutlich größere. Beim Reh ist der Fall am einfachsten: So ein zierlicher kleiner Tritt gehört zu keiner der beiden großen Arten. Nimm im Zweifel ein Lineal mit ins Revier und fotografiere den Abdruck mit Maßstab daneben — dann kannst du zu Hause in Ruhe vergleichen. Bei der Losung hilft dasselbe Größenprinzip: kleine, längliche Reh-„Bohnen" gegen die deutlich gröbere Losung der beiden großen Arten.

Der Nacht- und Infrarot-Fall: Bestimmen ohne Farbe

Jetzt zum eigentlichen Härtefall der Wildkamera — dem Nachtbild. Sobald deine Kamera in den Infrarotmodus schaltet, ist das Bild Schwarz-Weiß, und jedes Merkmal, das auf Farbe beruht, ist wertlos. Das rotbraune Sommerfell, die weißen Flecken des Damwilds, der helle Spiegel: Nachts alles nur noch Grautöne. Aber das ist kein Grund zur Verzweiflung, denn die stärksten Merkmale funktionieren völlig ohne Farbe.

Geh nachts strikt nach dieser Rangfolge:

  1. Silhouette und Größe. Die schiere Statur bleibt auch im Dunkeln erhalten. Größtes, massigstes Tier mit dickem Hals = Rothirsch. Kleinstes, zierliches Tier mit der zum Hinterteil ansteigenden Rückenlinie = Reh. Der wuchtige Mittelweg = Damhirsch. Die „vier- bis fünfmal"-Regel gilt in Grau genauso wie in Farbe.
  2. Geweihform, falls vorhanden. Ein Schattenriss reicht: viele einzelne Spitzen = Rothirsch, breite Schaufel = Damhirsch, winziges Gehörn = Rehbock.
  3. Körperbau und Bewegung. Die eingeknickten Hinterläufe und die ansteigende Kruppe des Rehs, der lange abgesetzte Wedel des Damwilds, die Prellsprünge — all das siehst du auch in Grau.

Was du nachts ausdrücklich nicht tun solltest, ist, dich auf den Zeitstempel zu verlassen. Es liegt nahe zu denken, die Uhrzeit helfe bei der Bestimmung — tut sie aber nicht. Eine Kamerafallen-Studie in den Alpen hat Reh und Rothirsch nebeneinander vermessen und festgestellt, dass beide Arten stark dämmerungsaktiv sind, mit Aktivitätsspitzen um Sonnenauf- und -untergang, und dass sich ihre Aktivitätszeiten zu 74 bis 76 Prozent überlappen. Im Klartext: Reh und Rothirsch lösen deine Kamera zur gleichen Tageszeit aus. Dass ein Bild um 5:30 Uhr entstand, grenzt die Art null ein. Nimm die Uhrzeit als das, was sie ist — ein Aktivitätshinweis, kein Bestimmungsmerkmal.

Ein letzter, ehrlicher Punkt zur Farbe, der auch tagsüber gilt: Sie ist als Trennmerkmal überschätzt. Alle drei Arten sind im Sommer rotbraun und im Winter graubraun. Damwild kommt obendrein in Farbschlägen von fast weiß über rotbraun bis fast schwarz vor. Selbst am helllichten Tag solltest du dich also nie auf die Fellfarbe allein verlassen — sie ist das schwächste Glied in der Kette.

Die Uhrzeit auf dem Bild verrät die Art nicht: Reh und Rothirsch sind beide dämmerungsaktiv und lösen zur selben Zeit aus.

Die Fleckenfalle: warum getupfte Jungtiere dich nicht täuschen dürfen

Ein kleines Reh von hinten wendet den Kopf zurück und zeigt den hellen weißen Spiegel ohne sichtbaren Schwanz

Es gibt einen Merksatz, der sich hartnäckig hält und der auf dem Kamerabild richtig teuer werden kann: „Getupft heißt Damwild." Das stimmt nur mit einem großen Aber.

Richtig ist: Der erwachsene Damhirsch behält seine weißen Flecken bis ins Alter — im Sommerfell. Kein anderer erwachsener Hirsch bei uns tut das. Ein deutlich geflecktes, mittelgroßes Tier im Sommer ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Damhirsch.

Falsch — und genau hier passiert der Fehler — ist die Umkehrung „getupft = Damwild" bei Jungtieren. Denn die Kitze und Kälber aller drei Arten tragen ein geflecktes Tarnkleid. Die hellen Punkte imitieren das Spiel von Licht und Schatten am Waldboden und machen das reglos abgelegte Junge nahezu unsichtbar. Das gilt fürs Rehkitz genauso wie fürs Rotkalb und fürs Damkalb — und sogar die Frischlinge des Wildschweins tragen aus demselben Grund Streifen. Bei allen dreien verschwinden die Flecken mit dem Haarwechsel im Herbst.

Bei einem gefleckten Jungtier trennt die Fleckung die Arten nicht — sie haben alle Flecken. Lies stattdessen die Größe und Statur des Muttertiers im selben Bild.

Für die Praxis heißt das: Wenn deine Kamera ein kleines, getupftes Jungtier auslöst, bestimm es nicht über die Flecken. Schau, ob im selben Bild oder in der Serie das Muttertier auftaucht, und lies dessen Größe und Körperbau. Ein gepunktetes Junges neben einer zierlichen, hochbeinigen Ricke ist ein Rehkitz; neben einer massigen Hirschkuh ein Rotkalb; neben einem wuchtigen, langschwänzigen Damtier ein Damkalb. Die Flecken selbst führen dich in die Irre.

Drei Trittsiegel im Größenvergleich im feuchten Waldboden zeigen den Unterschied zwischen Rothirsch, Damhirsch und Reh

Verhalten und Jahreszeit: die Kontext-Hinweise deiner Kamera

Deine Wildkamera liefert dir mehr als ein einzelnes Standbild — sie liefert Ort, Jahreszeit und über die Zeit ein Verhaltensmuster. Das sind keine Beweise für sich, aber sie kippen die Wahrscheinlichkeiten in die richtige Richtung.

Rudel oder einzeln? Rothirsche sind ausgesprochen gesellig und leben den größten Teil des Jahres in nach Geschlechtern getrennten Rudeln — Hirsche im Hirschrudel, Hirschkühe mit ihren Kälbern im Kahlwildrudel. Auch Damwild bildet Rudel. Das Reh dagegen ist im Sommer meist ein Einzelgänger; man sieht höchstens die Ricke mit ihren Kitzen. Erst im Herbst und Winter schließen sich Rehe zu kleinen Verbänden zusammen, den „Sprüngen". Faustregel für den Sommer: Ein einzelnes Tier ist eher ein Reh, eine größere Gruppe eher Rot- oder Damwild.

Wo steht die Kamera? Das Reh ist ein Anpassungskünstler und ein „Grenzlinienbewohner", der die Übergänge von Feld und Wald, strukturreiche Waldränder und sogar Siedlungsränder liebt — es kommt praktisch überall in Deutschland vor. Der Rothirsch war ursprünglich ein tagaktives Tier des offenen Steppenlands; erst der Mensch hat ihn in die Wälder und in die Nacht gedrängt, sodass er heute meist versteckt und dämmerungs- bis nachtaktiv durch geschlossene Waldgebiete zieht. Damwild bevorzugt lichte Laub- und Mischwälder im Wechsel mit Offenland und ist dabei erkennbar weniger scheu als der Rothirsch — es taucht auch dort auf, wo Rotwild sich längst zurückgezogen hätte. Und ein wichtiger Kontext: Damwild ist bei uns nicht heimisch, sondern wurde vor Jahrhunderten zu jagdlichen Zwecken angesiedelt und wird häufig in Gattern gehalten; frei lebt es nur in umgrenzten Verbreitungsgebieten. Steht deine Kamera weit außerhalb solcher Gebiete, ist Damwild unwahrscheinlicher.

Selbst der Speiseplan spiegelt sich indirekt wider. Das Reh ist ein „Konzentratselektierer", der gezielt leicht verdauliche Leckerbissen wie Knospen, Triebe und Kräuter nascht und dafür in häufigen, aber kurzen Phasen austritt. Rot- und Damwild sind „Mischäser" mit höherem Grasanteil und wenigeren, längeren Fresszeiten. Das erklärt, warum ein Reh so oft für kurze Momente am Feldrand erscheint und wieder weg ist.

Der stärkste saisonale Fingerzeig ist die Brunft, denn sie fällt bei allen drei Arten in eine andere Zeit und klingt völlig verschieden — was deine Kamera, wenn sie Ton aufzeichnet, hörbar mitliefert.

ArtBrunftzeitLaut
Reh (Blattzeit)Juli bis Anfang AugustFiepen der Geiß, raues Bellen des Bocks
RothirschMitte September bis Oktoberlautes, weithin hörbares Röhren
DamhirschMitte Oktober bis Novemberleises, rülpsend-grunzendes „Röhren"

Der Unterschied zwischen den beiden großen Arten ist im Herbst kaum zu überhören. Der Rothirsch röhrt — ein tiefer, kraftvoller Ruf, den man je nach Windrichtung über weite Strecken hört und den erfahrene Ohren in bis zu sechs verschiedene Lauttypen aufschlüsseln, vom Grundröhren über das Trenzen bis zum langgezogenen Knören. Der Damhirsch dagegen ist viel leiser — sein Brunftlaut klingt eher nach Rülpsen oder Grunzen —, dafür aber unglaublich häufig: Ein brunftiger Damhirsch gibt diesen Laut innerhalb von 24 Stunden bis zu 25.000- bis 30.000-mal von sich. Zeichnet deine Kamera also im Oktober ein tiefes, sparsam eingesetztes Röhren auf, ist es ein Rothirsch; ein monotones, pausenloses Grunzen dagegen Damwild.

Moderne Wildkameras nehmen einem beim Ordnen dieser Bildflut viel Arbeit ab. Eine KI-gestützte Artenerkennung kann die drei Hirschartigen vorsortieren und dir die Leerbilder vom Hals halten, sodass du nur noch die Aufnahmen mit einem Tier prüfst — und die kniffligen Grenzfälle mit dem Wissen aus diesem Artikel selbst entscheidest.

Häufig gestellte Fragen

Ist das Reh das Weibchen vom Hirsch?

Nein. Reh und Rothirsch sind zwei völlig verschiedene Arten, die keinen gemeinsamen Nachwuchs bekommen können. Das Missverständnis geht auf den Bambi-Film zurück, in dem ein amerikanischer Hirsch in der deutschen Fassung zum Rehkitz umgetauft wurde.

Woran erkenne ich die drei Arten nachts auf dem Schwarz-Weiß-Bild am schnellsten?

An Silhouette und Größe. Ein Rothirsch ist im Körper vier- bis fünfmal größer als ein Reh, der Damhirsch liegt dazwischen. Ist ein Geweih zu sehen, hilft die Form: viele Spitzen = Rothirsch, breite Schaufel = Damhirsch, winziges Gehörn = Reh. Farbe brauchst du dafür nicht.

Sind nur Damhirsche gefleckt?

Nur erwachsene Damhirsche behalten im Sommer ihre weißen Flecken. Aber die Jungtiere aller drei Arten — Rehkitz, Rotkalb und Damkalb — tragen ein geflecktes Tarnkleid, das im Herbst verschwindet. Ein geflecktes Junges bestimmst du deshalb über die Größe des Muttertiers, nicht über die Flecken.

Kann ich die Art an der Uhrzeit auf dem Bild ablesen?

Nein. Reh und Rothirsch sind beide dämmerungsaktiv und lösen zur gleichen Tageszeit aus; ihre Aktivitätszeiten überlappen zu rund drei Vierteln. Die Uhrzeit sagt etwas über Aktivität, aber nichts über die Art.

Das Tier auf meinem Bild hat gar kein Geweih — was jetzt?

Dann ist es entweder ein weibliches Tier (Rehgeiß, Hirschkuh oder Damtier — alle geweihlos) oder ein Männchen in der Abwurfzeit. Geh in diesem Fall über die Körpergröße, den Körperbau und den Spiegel: klein mit ansteigender Kruppe = Reh, riesig und massig = Rothirsch, mittelgroß mit langem schwarz abgesetztem Wedel = Damhirsch.

Wie unterscheide ich die Fährten von Rothirsch und Damhirsch?

Fast nur über die Größe. Beide haben ähnlich geformte Tritte, aber der Rothirsch-Tritt ist mit rund 7 bis 9 cm deutlich größer als der des Damhirschs (etwa 5 bis 7 cm); der Reh-Tritt ist mit 3 bis 4 cm der klar kleinste. Am besten mit einem Lineal danebenfotografieren und zu Hause vergleichen.