Es ist Ende Juli, die Hundstage stehen, und über dem Weizenfeld passiert etwas, das man den Rest des Jahres kaum zu sehen bekommt: Eine Geiß galoppiert aus der Deckung, ein Bock hinterher, beide mitten am helllichten Tag. Ein paar hundert Meter später bricht die Hetze ab, das Tempo fällt fast in Zeitlupe — und was zurückbleibt, ist ein kreisrund niedergetretenes Muster im Getreide, das die Alten „Hexenringe" nannten. Das ist die Blattzeit: die Paarungszeit des Rehs, die von Mitte Juli bis Mitte August stattfindet und in der die sonst so heimlichen, dämmerungsscheuen Rehe plötzlich am Tag über die Wiesen jagen.
Für den Jäger ist es die „Krone der Rehwildjagd", für den Naturfreund ein Schauspiel, für den Autofahrer eine Gefahr — und für jeden mit einer Wildkamera die vielleicht dankbarste Woche des Jahres, um Verhalten zu dokumentieren. Dieser Beitrag erklärt, was in diesen vier Wochen wirklich passiert: warum der Bock treibt (und warum eigentlich die Geiß führt), was es mit der rätselhaften Eiruhe auf sich hat, wie das Blatten funktioniert — und wie du eine Wildkamera so stellst, dass sie das Treiben am Feldrand einfängt, ohne die Tiere zu stören.
Eins vorweg, weil es ständig durcheinandergeht: Das hier ist die Rehbrunft, nicht die Hirschbrunft. Der Rothirsch röhrt im September und Oktober; das ist eine andere Art, eine andere Jahreszeit, ein anderes Kapitel. Wenn im Hochsommer ein Bock keucht und im Kreis treibt, ist das immer das Reh.
Was die Blattzeit ist — und woher der seltsame Name kommt
Der Name klingt nach Botanik, meint aber eine Jagdtechnik. „Blattzeit" leitet sich davon ab, dass man den Bock in dieser Zeit mit einem auf einem Buchenblatt oder einem „Blatter" nachgeahmten Fiepton anlocken kann. Jäger nennen die Paarungszeit des Rehwilds deshalb Blattzeit — oder Brunft, in Österreich auch „Sprengzeit". Gemeint ist immer dasselbe Fenster: Mitte Juli bis Mitte August, quer durch den deutschsprachigen Raum bemerkenswert einheitlich. Der Deutsche Jagdverband setzt sie auf „Mitte Juli bis Anfang August", die österreichischen und Schweizer Quellen auf „Juli/August" beziehungsweise „Mitte Juli bis Mitte August" — kleine Verschiebungen, dasselbe Bild.
Was in dieser Zeit auffällt, ist der Bruch mit dem sonstigen Rehverhalten. Das Reh ist normalerweise dämmerungs- und nachtaktiv und geht dem Menschen aus dem Weg. In der Brunft dagegen „können Rehe häufig schon bei gutem Tageslicht beobachtet werden", schreibt der DJV, auch wenn sie in Dämmerung und Nacht am aktivsten bleiben. Die Deutsche Wildtier Stiftung bringt es auf den Punkt: „Rehe verlieren gerade in den nächsten drei, vier Wochen ihre Scheu und sind deutlich unvorsichtiger". Genau dieser Verlust der Vorsicht macht die Blattzeit zum Fenster, in dem sich das Reh überhaupt beobachten — und fotografieren — lässt.
Ein wichtiger Vorbehalt gleich zu Beginn, denn hier trennt sich der Fachmann vom Laien: Brunft und Blattzeit sind nicht dasselbe. Die Brunft ist die ganze Paarungszeit; die Blattzeit ist das engere Fenster darin, in dem das Anblatten funktioniert. Die PIRSCH formuliert es klar: Wenn Anfang Juli die ersten Böcke treiben, ist das „ganz klar: Nein!" schon die Blattzeit. Warum das mehr als Wortklauberei ist, wird beim Blatten gleich wichtig.
Vier Wochen im Jahr wirft das heimlichste Wild seine Vorsicht ab — das ist das ganze Geheimnis der Blattzeit.
Das Treiben: warum die Geiß den Bock führt
Das auffälligste Verhalten der Blattzeit ist das Treiben — und fast jeder deutet es falsch. Es sieht aus, als hetze der Bock die Geiß erbarmungslos durch die Landschaft. Wer genau hinschaut, sieht das Gegenteil. „Wenn wir dieses Treiben jedoch genau beobachten, dann ist es eigentlich genau umgekehrt — die Geißen ‚ziehen' die Böcke", schreibt der Wildbiologe Christopher Böck vom Oberösterreichischen Landesjagdverband. Der Bock prüft die Paarungsbereitschaft, aber das Tempo und die Richtung gibt die Geiß vor.
Der Ablauf hat zwei Phasen, und die zweite ist es, die die Spuren hinterlässt. Zuerst sucht der Bock die Geiß und galoppiert sie an; sie flüchtet, er folgt. Dieses erste Treiben führt das Paar oft rund 500 Meter vom Ausgangspunkt weg, bis die Geiß abbricht. Dann fordert sie den Bock zum Beschlag auf, flüchtet aber erneut — diesmal „in ein fast zeitlupenartiges Tempo". Dieses zweite Treiben dauert „zwischen zwei und zehn Minuten" und läuft nicht mehr geradlinig, sondern in Kreisbahnen und Achterschlingen. Der Bock „hängt förmlich am Hinterteil der Geiß", die dabei ständig Kontaktlaute gibt.
Für die Böcke ist das Ganze harte Arbeit. Es ist eine „regelrechte Hetzjagd, die nur von kurzen Atempausen unterbrochen wird", oft „von einem lauten Keuchen des Bockes begleitet", und weil mehrere Böcke um dieselben Geißen konkurrieren, kommt es „immer wieder zu Territorialkämpfen". Böck beschreibt Tiere, die „um sich herum kaum noch etwas anderes wahr[nehmen], sind sozusagen blind vor Liebe". Und die Geduld, die der Bock braucht, ist beträchtlich: Oft treibt er seine Geiß „mehrere Stunden durch die Landschaft — denn überrumpeln lässt sie sich nicht".
Dass die Böcke in diesem Zustand jeden hohen, fiependen Ton für eine Geiß halten, ist gut belegt und für die Blattjagd der ganze Springende Punkt. Die Deutsche Wildtier Stiftung nennt ein hübsches Beispiel: „Manchmal reicht schon das Quietschen eines Fahrrads aus, und ein verliebter Bock saust im Hormonrausch heran" — weil das Quietschen dem Fiepton der Ricke ähnelt.

Die Hexenringe
Aus dem zweiten, kreisförmigen Treiben entstehen die Hexenringe — die vielleicht schönste Spur, die Wild in Mitteleuropa hinterlässt. Unsere Vorfahren brachten die kreisrunden Muster im Getreide mit etwas Übernatürlichem in Verbindung; daher der Name. Tatsächlich sind sie schlicht die eingetretene Choreografie der Paarung: „Aus der Vogelperspektive sind meist zwei aufeinanderliegende Kreise bzw. eine Acht erkennbar", und „im frischen Gras bzw. in Kornfeldern sind diese Muster noch lange nach der Paarung zu erkennen". Das Wildtierportal Bayern definiert sie in der Jägersprache trocken als „kreisartige Spuren, die der treibende Rehbock und die Geiß/Schmalreh während der Paarungszeit im Getreide hinterlassen".
Wer im Hochsommer einen solchen Ring in einer Wiese oder einem Getreideschlag findet, hat also keinen Feenkreis vor sich (die Pilz-Hexenringe sind etwas anderes), sondern den dokumentierten Standort einer Rehpaarung. Für die Kameraplatzierung ist das eine handfeste Information — dazu später mehr.
Was aussieht wie eine gnadenlose Hetzjagd, ist in Wahrheit von der Geiß dirigiert — sie zieht, der Bock hängt hinterher.
Blatten: die Kunst, den Bock zu rufen
Das Blatten ist die Lockjagd, die der Blattzeit ihren Namen gab: Der Jäger ahmt den Fiepton der Geiß nach und lockt so den Bock in Schussdistanz. Klassisch geschieht das „mit einem Buchenblatt oder einem sogenannten Blatter", auch ein Flieder- oder Buchenblatt oder ein einfacher Grashalm tun es. Heute nimmt man meist moderne Locker aus Gummi, Holz oder Kunststoff — bequemer zu bedienen, aber „auch ihre Verwendung will geübt sein". Der Rat aus dem Fachhandel dazu ist bodenständig und richtig: Übe den Klang „zu Hause (nicht im Revier!)" mit Video- oder Audiodateien, bevor du im Revier den ersten Bock verpatzt.
Der entscheidende — und am häufigsten missverstandene — Punkt ist der Zeitpunkt. Intuitiv würde man zum Brunftbeginn rufen, wenn am meisten los ist. Falsch. „Der Beginn der Rehbrunft ist nicht unbedingt der geeignetste Zeitpunkt zum Blatten", schreibt der Pirscher Shop: Anfangs springen vor allem „junge, revierlose Böcke", während die reifen Platzböcke bei ihren Geißen stehen und sich kaum weglocken lassen. Erst wenn die meisten Geißen beschlagen sind, kehrt sich das um: „Nun müssen die Böcke wesentlich weitere Wege zurücklegen, um brunftige Rehe zu finden. Genau das ist der beste Zeitpunkt für das Blatten". Die PIRSCH kommt zum selben Schluss — die Blattzeit „beginnt meist Ende Juli und kann sich (je nach Region) bis Mitte August erstrecken", weil „dann ein Großteil der Geißen bereits beschlagen" ist. Als grober Anhalt für Deutschland nennen die Praktiker Anfang bis Mitte August als beste Blattzeit, das JÄGER-Magazin sogar die Spanne 25. Juli bis 15. August — „in tieferen Lagen früher, im Hochgebirge später".
Diese Höhen- und Wetterabhängigkeit ist real: In niedrigeren Lagen setzt die Brunft früher ein als im Mittelgebirge, und „eine warme Witterung wirkt sich positiv auf das Brunftverhalten aus". Verlass dich also nicht auf ein Kalenderdatum, sondern auf dein Revier.
Vier Rufe gehören zum Handwerk, und sie tun Unterschiedliches:
| Ruf | Was er nachahmt | Wann er wirkt |
|---|---|---|
| Fiepen | den Lockruf einer brunftigen Geiß | später in der Brunft, wenn brunftige Geißen rar sind |
| Sprengfiep | eine Geiß, die von einem Bock getrieben wird | lockt den Platzbock, der einen Rivalen vermutet |
| Angstschrei | eine stark bedrängte Geiß oder ein Schmalreh | wie der Sprengfiep — Reiz über die Konkurrenz |
| Kitzfiep | den Ruf eines Kitzes | wenn der Bock bei einer führenden Geiß steht: die Geiß kommt, der Bock folgt |
Zur Tageszeit gehen die Erfahrungen auseinander, und das ist ehrlich gesagt eine der wenigen Stellen, an denen sich die Fachleute uneins sind. Der Pirscher Shop hält fest, dass „während der Brunft zu jeder Tageszeit ein Bock springen" kann und nur „bei großer Hitze" die frühen Morgen- und späten Abendstunden erfolgversprechender sind, weil das Reh dann aktiver ist. Das JÄGER-Magazin argumentiert dagegen praktisch gegen das Blatten im ersten und letzten Licht: nicht weil dann nichts springt, sondern weil „im schlechten Licht die meisten Fehler passieren" — und empfiehlt die Stunden „zwischen 8.00 und 20.00 Uhr" als ideal, wenn das Licht zum sauberen Ansprechen reicht. Beides ist verteidigbar; wer sicher ansprechen will, hat mit gutem Licht die besseren Karten, wer bei Hitze jagt, verlegt sich auf die kühleren Randstunden.
Wo man blattet, folgt der Biologie: vom Hellen ins Dunkle, also aus der Walddeckung heraus in Richtung Feld oder Wiese, „denn der Bock springt eher von der offenen Fläche in die Dickung". Bei Feldrehen wählt man den Platz nahe an Mais- oder Getreideschlägen. Und man sitzt nicht irgendwo: Das Brunftgeschehen spielt sich „selten in den Einständen, sondern vielmehr in den angrenzenden Baum- oder Althölzern ab", weshalb ein Rufplatz idealerweise „100 bis 150 m vom Einstand entfernt" liegt — nah genug, um gehört zu werden, weit genug, „damit auch genügend Zeit zum Ansprechen" bleibt.
Ein Wort zur Sorgfalt, das ein guter Jäger von selbst mitbringt: Die Wechsel des Bocks kreuzt man auf dem Anmarsch „auf gar keinen Fall", weil die frische Menschenspur ihn vergrämt. Und weil das Reh hervorragend hört, riecht und Bewegungen registriert, gehört zum Blatten geräuscharme, geruchsneutrale Kleidung und, beim Rufen von der offenen Leiter, ein ruhiger Kopf — bewegst du beim Blatten den Kopf, fällt es dem Bock schwerer, deine genaue Position zu bestimmen.
Blatte spät, nicht früh: Erst wenn die Geißen beschlagen sind, kommt der reife Bock den weiten Weg zu deinem Fiep.
Die Eiruhe: warum das Reh im Juli paart, aber im Mai setzt

Hier steckt die eigentliche biologische Sensation der Blattzeit — und ein Faktum, das die Frage beantwortet, die sich jeder stellt: Wieso paart sich das Reh im Hochsommer, wenn die Kitze doch erst im nächsten Frühjahr kommen?
Die Antwort heißt Keimruhe (auch Eiruhe genannt). Nach der Befruchtung im Juli entwickelt sich die Eizelle nicht sofort weiter, sondern legt eine monatelange Pause ein. Der DJV beschreibt es so: „Nach der Befruchtung tritt eine 4½-monatige Keimruhe (Eiruhe) ein, das heißt, die befruchteten Eizellen entwickeln sich verzögert". Erst danach nisten sich die Keimzellen in die Gebärmutter ein, „womit die eigentliche Trächtigkeit beginnt", wie das Wildtierportal Bayern es formuliert. Die Gesamttragzeit dehnt sich dadurch auf rund neuneinhalb Monate, und die Kitze — meist zwei, selten eines oder drei — kommen im Mai oder Juni zur Welt. Der NABU bringt den Sinn dahinter auf den Punkt: Die Weibchen „werden im Juli befruchtet, doch das Ei wächst nicht heran. Erst Ende November beginnt die embryonale Entwicklung. Dadurch werden die Kitze pünktlich im warmen und vegetationsreichen Mai geboren, wenn die jungen Tiere die besten Überlebenschancen haben".
Der Clou: Ohne diesen Trick müsste das Reh entweder im Herbst brunften (unmöglich, die Böcke werfen dann ihr Gehörn ab) oder die Kitze kämen mitten im Winter. „Gäbe es die Eiruhe nicht, würden die jungen Kitze im kalten Winter zur Welt kommen", schreibt jagdfakten.at. Die Keimruhe entkoppelt also den Paarungstermin vom Geburtstermin — der Bock kann im warmen Juli treiben, und die Kitze fallen trotzdem in den nahrungsreichsten Monat.
Wie ungewöhnlich das ist, unterstreicht die Forschung. Das Reh ist die einzige heimische Schalenwildart mit dieser Besonderheit, hält Böck fest; eine peer-reviewte Übersicht formuliert es noch schärfer: „The roe deer is the only ungulate species known to exhibit diapause" — die einzige bekannte Huftierart mit einer echten Embryonalruhe. Und anders als bei den meisten Tieren mit Keimruhe, bei denen die Entwicklung komplett stillsteht, entwickelt sich der Rehkeimling während der Ruhe langsam weiter: „developmental progression also continues during this period". Das Reh macht die Keimruhe also auf seine eigene, halb-aktive Art.
Zwei weitere Feinheiten, die zeigen, wie fein das System reguliert ist. Erstens: Bei schlechter Nahrungslage im Spätwinter können Rehgeißen „sogar die Embryonen resorbieren und somit den Nachwuchs in diesem ungünstigen Jahr ausfallen lassen", am ehesten im Gebirge. Zweitens: Auch den Geburtstermin selbst können die Geißen „bei ungünstiger Witterung … geringfügig verlängern und so ‚schöneres' Wetter abwarten". Das Reh gibt die Geburt nicht dem Zufall preis, sondern steuert sie an die Umwelt.
Was die Blattzeit mit dem Klima zu tun hat
Zuletzt eine aktuelle, regionale Note, die die alte Lehrbuchgeschichte nicht widerlegt, aber verfeinert. Eine 2025 veröffentlichte Studie aus Bayern (TUM Freising) untersuchte 390 Gebärmütter legal erlegter Rehgeißen aus Bayern zwischen 2017 und 2020 und rechnete daraus zurück, wann die Keimruhe endet. Ergebnis: Die Länge der Vegetationsperiode im Jahr der Empfängnis beeinflusst den Zeitpunkt signifikant (p ≤ 0,001), und 80 Prozent der Geißen beendeten die Eiruhe zwischen dem 4. Dezember und dem 1. Januar — was schön zu den populären „Ende November/Jahresende"-Angaben passt.
Interessant wird es beim Vergleich über die Jahrzehnte: In den historischen Daten (1938–1945) lag der mittlere Setztermin für Südwestdeutschland bei etwa dem 1. Juni, in den jüngeren Daten (2020–2022) bei 15. Mai. Das ist eine Verschiebung um rund zwei Wochen nach vorne, die die Studie mit der länger gewordenen Vegetationsperiode in Verbindung bringt (etwa 185 Tage in den 1950ern gegenüber rund 240 Tagen zuletzt). Anders gesagt: Das Reh scheint seinen uralten Kalender langsam an ein wärmer werdendes Land anzupassen — die Blattzeit und ihre Folgen sind kein starres Datum, sondern folgen der grünen Welle des Jahres.

Die Rehbrunft mit der Wildkamera dokumentieren
Und damit zu der Frage, die den Kamerabesitzer umtreibt: Wie hält man das alles fest, ohne es zu stören? Die gute Nachricht ist, dass die Blattzeit für eine Wildkamera fast maßgeschneidert ist. Die Tiere sind tagaktiver, kühner und an vorhersehbare Orte gebunden — Feldränder, Wechsel, Hexenringe. Die schlechte: Ein treibender Bock ist schnell, und eine schlecht gestellte Kamera fängt nur einen leeren Rahmen mit einem Fetzen Fell am Bildrand.
Fangen wir mit dem an, was die Kamera überhaupt legitimiert. Fotofallen sind in der Wildtierforschung „ein unverzichtbares Werkzeug", das gerade für „scheue oder nachtaktive Arten" wertvoll ist, weil es Daten sammelt, „ohne diese zu stören" — und über Zeitraffer sogar „phänologische Veränderungen im Jahresverlauf" dokumentiert. Die kamerabasierte Beobachtung des Rehs im Jahreslauf ist also keine Spielerei, sondern eine anerkannte Methode; ein bayerisches Forschungsprojekt (LWF, mit Universität Bayreuth und LMU München) wertet damit genau solche Ungulaten-Daten aus.
Für die Praxis ist die beste Anleitung eine, die eigentlich fürs Frühjahr geschrieben wurde — das „Bestätigen" der Böcke vor der Saison —, deren Kernprinzipien aber eins zu eins auf die Blattzeit passen. Der Autor Alexander Timpe fasst die Standortwahl so zusammen: starke Wechsel in der Nähe von Ansitzeinrichtungen oder Pirschwegen, „besonders geeignet sind Zwangswechsel zum Beispiel entlang von Zäunen oder Gewässern". In der Blattzeit kommen die Feldränder, an denen das Treiben abläuft, und die Umgebung frischer Hexenringe als erstklassige Standorte dazu.
Beim Aufhängen entscheidet die Geometrie über Erfolg oder leere Karte:
- Höhe und Winkel. „Die besten Aufnahmen entstehen, wenn die Kamera auf Höhe des Wildes (etwa kniehoch) mit zum Boden parallelem Blickwinkel hängt". Zu hoch montiert, schaut die Kamera über den Rücken des Rehs hinweg.
- Blickachse am Wechsel entlang, nicht quer. „Filmt man seitlich auf den Wechsel, kommt es zu häufigem Fehlauslösen bei schnell vorbeiziehendem Wild, da zwischen Auslösen von Bewegungsmelder und Aufnahmebeginn immer etwas Zeit vergeht". Ein Reh, das quer durchs Bild huscht, ist weg, bevor die Kamera wach wird. Läuft es dagegen auf die Kamera zu oder von ihr weg, hat der Sensor Zeit.
- Entfernung: zwei bis zehn Meter. „Die Kamera sollte niemals weiter als 10 Meter vom Aufnahmeort entfernt hängen", aber auch nicht näher als zwei Meter, sonst wird das Wild verschreckt oder die Nachtaufnahmen überstrahlen. Ohnehin liegt die brauchbare Aufnahmedistanz solcher Geräte bei höchstens etwa 15 Metern.
- Video statt Einzelbild — mit Vorbehalt. Für die Verhaltensbeobachtung empfiehlt Timpe klar den Videomodus: „Fotos von ziehenden Tieren sind leider oftmals verwackelt", und Verhalten wie Alter lassen sich „auf Video deutlich besser analysieren" — bei Clips von höchstens zehn Sekunden, um Karte und Akku zu schonen. Aber Achtung: Sobald die Kamera Bereiche erfasst, die Spaziergänger betreten könnten, sprechen die Datenschutzbehörden genau umgekehrt für den Einzelbildmodus (siehe unten). Kläre erst die Rechtslage deines Standorts, dann die optimale Einstellung.
Weil das Reh „eine recht standorttreue Wildart mit verhältnismäßig kleinen Revieren von durchschnittlich 25 ha Größe" ist, reichen wenige Kameras, um ein Revier abzudecken — und man kann „denselben Rehbock über mehrere Jahre am gleichen Ort fotografieren" und seine Entwicklung verfolgen. Diese Reviertreue ist wissenschaftlich gut belegt: Eine Telemetriestudie an Böcken fand für die Fortpflanzungsperiode Juli/August einen mittleren Aktionsraum von „47,9 ± 14,5 ha" und eine hohe Standorttreue — die Julirevier lagen alle in denselben Bereichen wie im Frühjahr, mit „69,7 %" mittlerer Überlappung. (Diese italienischen Werte liegen in derselben Größenordnung wie die deutsche Praxiszahl, sind aber eine andere Population mit anderer Methode — nimm die ~25 ha als Faustregel fürs Revier, nicht als exakte Deckungsgleichheit.)
Timing ist der zweite Hebel. Fang „etwa zwei Monate vor Beginn der Bockjagdzeit" an, die Kamera jeweils eine Woche an einem Wechsel stehen zu lassen und dann umzuhängen — wer die Blattzeit selbst dokumentieren will, hat die Standorte dann längst eingelaufen. Und plane für den richtigen Teil des Tages: Die schon zitierte Telemetrie fand die höchste Aktivität in der Dämmerung („53,7 %"), deutlich mehr als am Tag („36,6 %") — die kühnen Tagauftritte der Blattzeit sind die Ausnahme, die die Kamera einfängt, das Grundmuster bleibt dämmerungsbetont.
Wenn am Ende hunderte Auslösungen auf der Karte liegen und du nur die Nächte mit einem treibenden Bock sehen willst, ist das genau der Moment, in dem eine Artenerkennung die Arbeit abnimmt.
Ein Reh, das quer durchs Bild huscht, ist weg, bevor die Kamera auslöst — stell sie so, dass der Wechsel auf die Linse zuläuft.
Der rechtliche Rahmen: Jagdzeit und Datenschutz
Zwei rechtliche Dinge gehören zur Blattzeit dazu — und bei beiden ist die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wo du bist.
Zuerst die Jagdzeit. Die eine Aussage, die überall gilt, lautet: Der Rehbock darf in der Regel ab dem 1. Mai bejagt werden — die Blattzeit im Juli/August fällt also in die offene Bockjagdzeit. Beim Ende der Jagdzeit hört die Einigkeit auf, denn die Jagdzeiten sind in Deutschland Sache der Länder (Bundesjagdgesetz plus jeweiliges Landesjagdgesetz). Der bundesrechtliche Rahmen nennt für Böcke den 1. Mai bis 15. Oktober. Baden-Württemberg dagegen hat mit seinem eigenen Jagd- und Wildtiermanagementgesetz von 2015 festgelegt: „der Rehbock darf jetzt vom 1. Mai bis 31. Januar bejagt werden". Das sind für ein und dieselbe Wildart je nach Bundesland Monate Unterschied. Verlass dich deshalb nie auf ein einzelnes bundesweites Enddatum, sondern prüfe die aktuell gültige Jagdzeit deines Bundeslandes; für Österreich (Landesrecht) und die Schweiz (kantonal) gelten ohnehin eigene Regelungen. Für die Blattzeit selbst ist das zum Glück nachrangig, weil sie fast überall in die offene Bockjagdzeit fällt — aber wer erlegt, muss die Zeiten seines Landes kennen.
Dann der Datenschutz — der Punkt, den viele Kamerabesitzer unterschätzen. Eine Wildkamera unterliegt der DSGVO, sobald sie Menschen erfassen kann, auch wenn du nur Wild filmen willst. Und das ist im Wald schnell der Fall. Der Grundsatz der Datenschutzbehörden ist streng: „Damit ist der Einsatz von Wildkameras in Bereichen, zu denen Besucherinnen und Besucher des Waldes Zugang haben, grundsätzlich verboten", schreibt die Landesbeauftragte für Datenschutz Rheinland-Pfalz. Zulässig wird der Einsatz erst unter Bedingungen, die die Behörde konkret benennt:
- Einzelbild statt Video, mit einem Zeitabstand, in dem ein Waldbesucher den erfassten Bereich bequem durchqueren kann, ohne mehrfach aufgenommen zu werden.
- Standort abseits der Waldwege, beschränkt auf jagdliche Einrichtungen und Wildwechsel.
- Kniehöhe (ca. 1 m) oder steiler Aufnahmewinkel nach unten, damit Personen möglichst nicht erfasst werden.
- Aufnahmen von Personen unverzüglich löschen; eine Weitergabe oder Veröffentlichung ist ohne Einwilligung verboten.
- Hinweispflicht nach Art. 13 DSGVO — ein gut sichtbares Schild an den Zuwegungen.
Man sieht sofort den Zielkonflikt mit der Verhaltensdokumentation: Fürs saubere Video wäre der Videomodus ideal, fürs Datenschutzrecht ist an öffentlich zugänglichen Stellen der Einzelbildmodus Pflicht. Die Reihenfolge ist eindeutig: Erst klärst du, ob dein Standort öffentlich zugänglich ist, dann wählst du die Einstellung. Auf einer klar mit Betretungsverbot belegten, faktisch personenfreien Fläche wiegen die Persönlichkeitsrechte weniger schwer, aber die Transparenzpflichten bleiben. Auch das dient am Ende dem Tier: Eine sparsam, gezielt und störungsarm eingesetzte Kamera ist der ganze Sinn der Sache — „zurückhaltend, sparsam und auf ein angemessenes Maß begrenzt".
Erst die Rechtslage deines Standorts klären, dann die Kameraeinstellung wählen — im öffentlich zugänglichen Wald schlägt der Datenschutz die Videoqualität.
Vorsicht auf der Straße: die Kehrseite der Blattzeit

Ein letzter, ernster Punkt, der jeden angeht, der im Juli und August unterwegs ist — nicht nur Jäger. Dieselbe Kühnheit, die die Rehe fotografierbar macht, macht sie auf der Straße gefährlich. „Bei diesen teilweise weiten Distanzen werden oft Wege und Straßen überquert", warnt der DJV, und „in ihrem Liebesrausch bemerken die Rehe oft das herannahende Fahrzeug viel später als zu anderen Jahreszeiten".
Die Physik ist unerbittlich. „Ein Reh hat zwischen 20 bis 25 Kilogramm. Bei einer Kollision mit 100 km/h wirken Kräfte von rund einer halben Tonne", rechnet der oberösterreichische Landesjägermeister vor — „die Folgen sind nicht nur Schäden am Auto, sondern auch Verletzungen der Insassen". Und anders als sonst treibt das Wild jetzt „den ganzen Tag über", nicht nur in der Dämmerung.
Die eine Faustregel, die man sich merken sollte: In der Brunft ist ein Reh selten allein unterwegs. Wer eine Ricke über die Straße wechseln sieht, muss damit rechnen, „dass mit einigem Abstand … noch der Bock oder das Kitz folgen könnte". „Man muss immer mit einem zweiten rechnen". Fuß vom Gas, wenn im Juli Rehe am Straßenrand stehen — genau dann folgt oft das nächste.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist die Blattzeit beim Reh?
Die Blattzeit — die Paarungszeit des Rehwilds — läuft von Mitte Juli bis Mitte August; in tieferen Lagen tendenziell früher, im Gebirge später. Die Blattjagd mit dem Blatter funktioniert am besten im engeren Fenster etwa Ende Juli bis Mitte August, wenn die meisten Geißen schon beschlagen sind.
Was ist der Unterschied zwischen Brunft und Blattzeit?
Die Brunft ist die gesamte Paarungszeit des Rehs. Die Blattzeit ist das engere Fenster darin, in dem sich der Bock durch den nachgeahmten Fiepton der Geiß anlocken lässt — deshalb springen zu Brunftbeginn vor allem junge Böcke, während das Anblatten reifer Böcke erst später in der Brunft gut funktioniert.
Sind Hexenringe dasselbe wie die Pilzkreise?
Nein. Im jagdlichen Sinn sind Hexenringe die kreis- oder achterförmigen Muster, die treibende Rehe in Wiesen und Getreide hinterlassen, wenn die Geiß den Bock in der zweiten Treibphase im Kreis führt. Die kreisrunden Pilz-Hexenringe sind ein völlig anderes Phänomen.
Warum kommen die Rehkitze erst im Mai, obwohl sich die Rehe im Juli paaren?
Wegen der Keimruhe (Eiruhe): Nach der Befruchtung im Juli pausiert die Entwicklung der Eizelle rund viereinhalb Monate; erst ab etwa Dezember nistet sie sich ein. So werden die Kitze im nahrungsreichen Mai geboren statt im Winter. Das Reh ist die einzige bekannte Huftierart mit dieser Embryonalruhe.
Wo hänge ich die Wildkamera in der Blattzeit am besten auf?
An starke Wechsel und Zwangswechsel (etwa entlang von Zäunen oder Gewässern) sowie an Feldränder und die Umgebung frischer Hexenringe — in Wildhöhe (etwa kniehoch), mit der Blickachse am Wechsel entlang und höchstens zehn Meter Abstand. Beachte dabei die Datenschutzvorgaben für Standorte, die Spaziergänger betreten könnten.
Darf ich in Deutschland eine Wildkamera einfach im Wald aufstellen?
Nicht ohne Weiteres. Wildkameras unterliegen der DSGVO, und in Bereichen, die Waldbesucher betreten können, ist ihr Einsatz grundsätzlich verboten; zulässig ist er nur unter Auflagen — Einzelbildmodus, Standort abseits der Wege, Kniehöhe oder steiler Winkel nach unten, unverzügliche Löschung von Personenaufnahmen und ein Hinweisschild.