Fast alles, was deine Wildkamera vom Schwarzwild einfängt, passiert im Dunkeln — und das ist keine Eigenart deiner Kamera, sondern die eigentliche Geschichte. Wenn du morgens die Karte durchsiehst und die Rotte immer zwischen Mitternacht und drei Uhr über das Bild zieht, dann schaust du nicht auf ein von Natur aus nachtaktives Tier. Du schaust auf ein Tier, das bei uns nachtaktiv geworden ist, weil wir es bejagen. Wildschweine sind, wenn niemand sie stört, tagaktiv bis kathemeral — im Gehege sind sie es, in ungestörten Zonen werden sie es wieder. Der Zeitstempel auf deinem Foto ist also selbst ein Datenpunkt: Er sagt dir etwas über den Jagddruck in deinem Revier, lange bevor du überhaupt beim Ansprechen des einzelnen Stücks bist.
Und um das Ansprechen geht es hier. Für Landwirtinnen, Grundbesitzer und alle, die Schäden im Blick behalten müssen, ist die Kamera am Wechsel oft der einzige verlässliche Zeuge einer Tierart, die man mit bloßem Auge kaum je zu sehen bekommt. Aber ein Foto allein ist nur ein Foto. Der Wert entsteht erst, wenn du lernst, die Zeichen ringsherum zu lesen — die Suhle, den Malbaum, die aufgebrochene Grasnarbe, die Zahl der Rüssel im Bild. Genau dafür ist dieser Text da: nicht um dir zu sagen, dass Wildschweine wühlen, sondern um dir zu zeigen, was ein bestimmter Wühlschaden, eine bestimmte Suhle, ein bestimmter Zeitstempel dir über die Sauen in deinem Revier verraten.
Warum fast alle Bilder nachts entstehen
Fang mit dem an, was jede Schwarzwild-Kamera zeigt und was fast alle falsch deuten: Die Sau ist nachtaktiv. Das stimmt für das, was du siehst, und es ist trotzdem irreführend. In einem 14-monatigen Kamerafallen-Projekt im Biosphärenreservat Schaalsee in Norddeutschland — 53 Kameras, gut 19.000 Fallennächte, über 4.000 Wildschwein-Ereignisse — war das Schwarzwild „primarily nocturnal“, und zwar in der streng geschützten Kernzone genauso wie in der landwirtschaftlich genutzten Übergangszone. Wenn selbst dort, wo praktisch nicht gejagt wird, die Nacht dominiert, könnte man meinen, das sei einfach die Natur des Tiers.
Ist es aber nicht. Eine GPS- und Beschleunigungssensor-Studie an 34 Tieren in Südwestdeutschland hat die Aktivität entlang eines Gefälles vom jagdfreien Gebiet bis zur normalen Bejagung aufgeschlüsselt — und genau dort, wo der Jagddruck wegfiel, stieg die Tagaktivität deutlich an, am stärksten im Hochsommer in einer großen, ungestörten Ruhezone. Die Autoren gehen weiter: Das Auge des Wildschweins besitzt kein Tapetum lucidum, jene reflektierende Schicht, mit der viele Nachttiere schwaches Licht ausnutzen. Ungestörte Sauen im Gehege sind tagaktiv. Die nächtliche Lebensweise ist, so das Fazit, „clearly not optimal“ — eine vorübergehende Anpassung, die das Schwarzwild bloß hervorragend beherrscht. Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Wildschweine sind natürlicherweise tagaktiv, aufgrund der Bejagung aber bei uns zumeist dämmerungs- und nachtaktiv.“
Der Zeitstempel auf dem Wildschweinbild misst nicht die Natur des Tiers, sondern den Jagddruck in deinem Revier.
Für dich am Wechsel heißt das zweierlei. Erstens: Wenn deine Kamera ausschließlich tiefe Nachtbilder liefert, ist das ein Hinweis auf hohen, dauerhaften Störungsdruck — nicht nur durch die Jagd, sondern durch alles, was menschliche Anwesenheit bedeutet. Zweitens: Die Ausnahmen sind lesbar. Im Schaalsee-Projekt trat die wenige Tagaktivität vor allem in den Sommermonaten auf, und in den beiden heißen Sommern lag der Gipfel kurz vor Sonnenaufgang — dann, wenn es am kühlsten ist. Das ist kein Zufall: Oberhalb von etwa 15 bis 17 °C fahren Sauen ihre Aktivität zurück, weil sie schlecht mit Hitze umgehen können. Kurze Sommernächte zwingen sie außerdem, über die Dunkelheit hinaus zu äsen, sodass ein Teil der Aktivität in den frühen Morgen rutscht.
Es gibt noch eine räumliche Ebene, die für Feldreviere Gold wert ist. Eine belgische Kamerafallen-Studie mit einem raum-zeitlichen Modell zeigte, dass Sauen tagsüber im Waldesinneren stecken und erst nachts an die Feldränder und in die Kulturen ziehen — Tag- und Nachtraumnutzung waren praktisch unkorreliert. Übersetzt: Deine Waldkamera und deine Feldkamera erzählen dieselbe Rotte zu verschiedenen Tageszeiten. Wer den Schaden am Mais verstehen will, muss die Nachtbewegung an die Feld-Wald-Kante mitdenken.
Die Suhle lesen: Abkühlung, Parasiten und ein Terminkalender
Von allem heimischen Wild suhlen nur Schwarz- und Rotwild, und sie brauchen es: Ein Revierteil ohne Suhle wird gemieden, ein Revier mit intakten Suhlen hält die Sauen. Der Grund ist Physiologie. Wildschweine haben kaum funktionsfähige Schweißdrüsen; sie können sich nicht durch Schwitzen kühlen. In der Hitze meiden sie engen Kontakt zu Artgenossen und nutzen vor allem das Wälzen in Schlamm oder nassem Substrat, um eine Überhitzung zu verhindern. Die trocknende Schlammpackung verklebt zugleich mit der Schwarte und schützt die im Sommer dünn behaarte Haut vor lästigen, beißenden Insekten — Zecken, Flöhe, Mücken, Fliegen, Bremsen.
Für die Kamera bedeutet das eine klare Erwartung: Suhlen werden bevorzugt in der warmen Jahreszeit angenommen, besonders an heißen, schwülen Tagen mit viel Insektenaktivität — und dann kann es sogar Tagbilder geben, weil ein Tier bei großer Hitze auch am Tag zur Suhle zieht. Aber Vorsicht mit der Faustregel: Schwarzwild suhlt deutlich mehr als Rotwild und auch zu anderen Zeiten. In dem norddeutschen Verhaltensprojekt von Erdtmann und Keuling lag das Suhlen im Tagesverlauf spät — ein Nebengipfel gegen 23 Uhr, in der zweiten Nachthälfte, meist gefolgt von Scheuern und Strecken. Wer eine Suhle bekameraren will, hängt die Kamera also nicht nur auf den Hochsommer-Nachmittag aus, sondern auf die späte Nacht.
Und man muss wissen, welche Art von Suhle man vor sich hat. Die Deutsche Jagdzeitung unterscheidet drei: die natürliche Suhle am schlammigen Rand von Tümpeln und Feuchtgebieten; den „Himmelsteich“, eine regengefüllte Mulde oder Pfütze auf dem Waldweg, die bei Hitze trockenfällt; und die vom Menschen angelegte künstliche Suhle in wasserarmen Revieren. Eine Kamera an einem Himmelsteich liefert dir ein sehr anderes, wetterabhängiges Aktivitätsmuster als eine an einer ständigen Suhle im Einstand.
In der Hitze kann die Sau nicht schwitzen — sie muss suhlen, und deshalb ist die Suhle im Sommer der verlässlichste Ansitzpunkt, den du hast.
Ein Wort zur Ethik, das für Grundbesitzer wie für Jägerinnen gilt: Die Suhle dient der Körperpflege, und ständige Störung dort vergrämt das Wild — es wandert ab, wenn es keine ruhige Suhle findet. Erfahrene Schwarzwildjäger beobachten deshalb an der Suhle, geben dort aber keinen Schuss ab; die einzige Ausnahme ist ein krankes oder krank geschossenes Stück, das seine Wunden kühlt. Für die Kamera heißt das: Eine Suhle ist ein hervorragender, aber empfindlicher Standort. Häng die Kamera hoch und diskret, kontrolliere sie selten, und du bekommst über Wochen ein ehrliches Bild derselben Tiere.

Der Malbaum: das aussagekräftigste Zeichen im ganzen Revier
Direkt nach der Suhle sucht das Schwarzwild einen Malbaum auf — und kein anderes heimisches Wildtier scheuert sich so hingebungsvoll. Die Sau stemmt ihre volle Breitseite an einen möglichst borkigen, harzigen Stamm und schrubbt sich von vorne bis hinten. Der Name selbst kommt vom „Anmalen“: vom Lehm und Schlamm, den das Tier am Stamm abstreift. In der Jägersprache ist der Malbaum schlicht definiert als „Baum, an dem sich Wildschweine nach einem Schlammbad scheuern“. Suhle und Malbaum sind also ein Paar — und wo der Malbaum ausnahmsweise fernab vom Nass an einem Wechsel steht, verrät der Schlamm daran trotzdem, dass es eine Badestelle in der Nähe geben muss.
Warum das für dich der Jackpot ist: Kaum ein anderes Zeichen packt so viel Information an einen einzigen Ort. Die ausführlichste Aufarbeitung dazu, ein Pirschzeichen-Beitrag in WILD UND HUND, fächert drei Funktionen auf, und jede davon erzeugt eine lesbare Spur:
- Körperpflege. Nach dem Verlassen der Suhle scheuert die Sau Ektoparasiten ab — Zecken, Läuse, Hirschlausfliegen. Für die Unterwolle nimmt sie auch niedrige Stubben an. Weil viele Stücke dieselbe Reibefläche nutzen, können Malbäume sogar bei der Übertragung von Krankheiten wie der Sarcoptesräude eine Rolle spielen.
- Kommunikation. Malbäume sind innerartliche Kontaktpunkte im Streifgebiet. Keiler streifen zur Rauschzeit ihren schaumigen Speichel ab, der das Testosteron-Derivat Androstenon enthält und bei Bachen die Paarungsbereitschaft (die „Duldungsstarre“) auslöst; sie versuchen, möglichst hoch zu markieren, um Rivalen zu beeindrucken. Auch mit den Eckzähnen wird die Rinde bearbeitet, und Fachleute vermuten, dass alte Keiler damit Streifgebietsgrenzen abstecken.
- Bestätigung. Für dich am wichtigsten: Der Malbaum bestätigt schlicht die Anwesenheit. An der Reibefläche haften Borsten, und die dicken Sauborsten lassen sich von den feineren Haaren der Rotwilddecke leicht unterscheiden.
Jetzt der praktische Kniff, der einen Malbaum von einem netten Foto zu echten Daten macht. Viele nehmen die Höhe des abgestreiften Schlamms als Maß für die Stärke des Stücks — das ist aber ungenau, weil Sauen beim Malen „buckeln“ und sowohl horizontal als auch vertikal scheuern. Effektiver ist ein einfacher Trick: Schraube ein Band oder kleine Holzklötzchen in abgemessenen Abständen seitlich neben die Scheuerfläche (nicht auf sie), etwa auf einem Meter Stammhöhe. Über das Wildkamerafoto kannst du dann die Widerristhöhe recht gut bestimmen und daraus Altersklasse und Körpergewicht abschätzen.
Ein Malbaum mit einem Maßstab daneben verwandelt jedes Kamerafoto in eine Messung — Widerristhöhe, Altersklasse, ungefähres Gewicht.
Der Malbaum verrät sogar Bewegungsrichtungen. Die Frische der Schlammschicht zeigt, wann der letzte Besuch war; abgestreifter Schlamm an der Bodenvegetation zeigt, woher die Sauen kamen und wohin sie zogen — die Tropfenspitzen der Schlammspritzer weisen in die Zugrichtung. Ein Detail für die Zuordnung: Auch Rotwild nimmt nach dem Schlammbad Malbäume an, doch Sauen und Rotwild scheuern sich meist an getrennten Stämmen, selbst wenn diese nah beieinanderstehen — schon wegen der unterschiedlichen Nutzungshöhe. Und lass dich von der Farbe der Borsten nicht zu einer Altersaussage verleiten: Sämtliche Farbschläge kommen in allen Altersklassen vor, halbjährige Frischlinge müssen nicht braun sein und können durchaus „dicke“ Federn haben.

Brechen und Wühlen: die Landschaft als Speisekarte lesen
Das Wühlen — in der Jägersprache das „Brechen“, der aufgewühlte Boden heißt „Gebräch“ — ist das auffälligste Zeichen, das Schwarzwild hinterlässt, und es ist alles andere als wahlloses Zerstören. Es ist eine Suche nach Nahrung, und was, wann und wo gebrochen wird, folgt einem Muster, das du lesen kannst. Mit dem kräftigen Rüssel bricht die Sau selbst steinige und harte Böden auf; sie überwendet dabei den Oberboden bis in fünf bis fünfzehn Zentimeter Tiefe.
Der wichtigste Takt ist saisonal. In einer italienischen Untersuchung auf Schutzwiesen häufte sich das Wühlen klar im Herbst und Winter — dann, wenn mehr Regen fällt, der Boden feucht und weich und damit leichter aufzubrechen ist, und wenn Regenwürmer und Insektenlarven im Oberboden verfügbar sind. Im Wald kommt der Mastkalender dazu. Eicheln und Bucheckern sind vom Herbst bis ins folgende Frühjahr die Idealnahrung; in einem mitteleuropäischen Eichenwald hatte das Schwarzwild über drei Jahre fast die gesamte Bodenfläche mindestens einmal umgebrochen — nur gut neun Prozent der Fläche blieben unberührt, und die am stärksten gewühlten Stellen waren gerade die eichenärmsten, weil die Sauen sie leergeräumt hatten. Ein erwachsenes Stück nimmt an einem guten Masttag bis zu fünf Kilogramm Eicheln, Bucheckern und Nüsse auf.
Im Mittelgebirge zeigt sich eine dritte Handschrift. Dort gräbt Schwarzwild im Winter systematisch nach Wurzeln — etwa denen des Adlerfarns — und hält die Bodenstellen durch wiederholtes Brechen offen, ein regelrechter „oberirdischer Tagebau“. Auffällig ist, wie präzise die Sauen dabei arbeiten: Sie brechen „assoziationsscharf“, oft eng an Bewirtschaftungsgrenzen orientiert, und graben gezielt nach einzelnen Pflanzenarten. Wer also am Kamerastandort frisch gebrochenen Boden findet, kann grob rückschließen, wonach gesucht wurde: weiche, feuchte Wiesenflächen im Spätwinter eher nach Bodentieren, Waldboden unter Eiche und Buche im Herbst nach Mast, Farnbestände im Bergwinter nach Wurzeln.
Ein Punkt, der gerade Grundbesitzern hilft, das Wühlen einzuordnen, statt es nur zu verfluchen: In seinem ursprünglichen europäischen Lebensraum ist das Brechen nicht per se schädlich. Ein tschechisches Freilandexperiment auf Halbtrockenrasen zeigte, dass die Bodenstörung durch Wildschweine die Pflanzenvielfalt sogar erhöht, weil sie Nischen für konkurrenzschwache Arten öffnet — im Modell blieben langfristig knapp 99 Prozent der Fläche ungestört, nur ein kleiner Bruchteil war je frisch gebrochen. Entscheidend ist das Ausmaß: In Maßen fördert das Brechen Sukzession und lichtbedürftige Arten, im Großen kippt es stabile Wiesengesellschaften. Für die Kamera heißt das: Ein paar frische Brüche an einer Wiese sind normal und datieren nur den letzten Besuch; ein flächig umgebrochener Schlag ist ein Schadensfall.
Und auf dem Feld hat das Wühlen eine eigene, teure Logik. Eine Rotte, die in einen Maisschlag einbricht, arbeitet ihn von innen nach außen auf und lässt die äußeren Pflanzenreihen stehen — deshalb wird der Schaden oft erst bei der Ernte bemerkt. Kombiniert mit dem, was die belgische Studie über nächtliches Ziehen an die Feld-Wald-Kante zeigt, ergibt das eine klare Empfehlung: Stell die Kamera nicht in die Mitte des Schlags, sondern an den Übergang vom Wald ins Feld, wo die Sauen nachts anwechseln.
Die Rotte zählen — und ihre Struktur verstehen
Ein einzelnes Wildschwein ist selten allein. Sauen leben in Familiengruppen, den Rotten, die von einem weiblichen Tier angeführt werden — meist der ältesten und erfahrensten Bache, der Leitbache. Eine größere Rotte besteht aus den Bachen mit ihren Frischlingen und den Überläufern; die älteren Keiler leben als Einzelgänger und suchen die Rotte nur zur Rauschzeit auf. Diese Leitbache ist kein Zierrat: Sie bestimmt in hohem Maße die Aktivitäten der Rotte, und stirbt sie, wird ihre Rolle entweder ersetzt oder die Rotte löst sich auf.
Für das Zählen auf der Kamera ist die Gruppengröße die erste Zahl, die zählt — und sie ist tückisch, weil selten alle Tiere gleichzeitig im Bild stehen. Genau dieses Problem hat eine Studie zur automatischen Auswertung von Kamerafallenbildern gelöst: Ein trainiertes Bilderkennungsmodell (mit einer mittleren Treffergenauigkeit von über 98 Prozent) bestimmt aus einer Bildserie sowohl die Zahl der Besuche als auch die Rottengröße pro Besuch — und nimmt dafür pro Durchzug den höchsten Stückzahl-Wert über alle Bilder der Serie. Genau so solltest du es von Hand auch machen: Nicht das erste Bild zählt, sondern das mit den meisten Tieren im Durchzug. Ein „Besuch“ ist dabei alles, was ohne größere zeitliche Lücke zusammenhängt — im Verfahren galt eine Pause von mehr als acht Minuten als neuer Besuch.
Über die reine Zahl hinaus liest die erfahrene Auswerterin die Struktur mit. Eine führende Bache in Begleitung gestreifter Frischlinge ist auf dem Bild unverkennbar — und dieselben Streifen sind der Grund, warum solche Bachen gesetzlich geschont sind: Der Elterntierschutz greift, bis die Frischlinge mit etwa drei bis vier Monaten ihre Streifen verlieren. Weiter helfen die Verhältnisse: In gut untersuchten Beständen machen Frischlinge einen sehr großen Anteil aus — in der Schweiz wird ein Frischlingsanteil um sechzig Prozent genannt. Wenn deine Bilder über Wochen fast nur Bachen mit Frischlingen und junge Überläufer zeigen und kaum starke Einzelstücke, dann siehst du eine wachsende, junge Population.
Zähl nicht das erste Bild — zähl das Bild mit den meisten Rüsseln. Die Rottengröße ist der Höchstwert eines Durchzugs, nicht der erste Blick.
Ein paar zählige Mythen lohnt es, gleich mit auszuräumen, weil sie sonst deine Deutung verzerren. Die Leitbache unterdrückt nicht die Fortpflanzung der anderen Bachen — die Fortpflanzung in der Rotte wird über Pheromone synchronisiert, und ein Frischling wird von mehreren Bachen gesäugt. Und die Jungtiere tragen erheblich zum Zuwachs bei: Frischlings- und Überläuferbachen beteiligen sich mit bis zu der Hälfte der jährlichen Reproduktion. Übersetzt für dein Monitoring: Eine Rotte auf der Kamera ist kein „harmloser“ Kindergarten unter einer einzelnen fruchtbaren Bache, sondern eine Gruppe, in der viele Tiere zugleich Nachwuchs bringen können.

Fährte, Spuren und Losung: was die Kamera nicht zeigt
Die Kamera friert einen Moment ein; der Boden ringsum erzählt den Rest, und beides zusammen macht die Bestätigung sicher. Beim Trittsiegel sind Wildschweine dankbar eindeutig: Sie besitzen zwei kräftige Schalen, die einen breiten, eher rundlichen und gedrungenen Abdruck hinterlassen — deutlich plumper als bei Reh oder Hirsch. Das entscheidende Merkmal sind die Afterklauen: Sie liegen etwas hinter den Hauptschalen und erscheinen im Abdruck als zwei kleine zusätzliche Punkte, besonders gut auf weichem Boden, in Schlamm oder Schnee. Die Kombination aus breitem Trittsiegel und sichtbaren Afterklauen ist das zuverlässige Bestimmungszeichen. Der Deutsche Jagdverband stellt in seiner Bestimmungshilfe die Schalen von Rothirsch, Damhirsch, Reh und Wildschwein direkt nebeneinander — wer sie einmal vergleicht, verwechselt sie kaum noch.
Die gesamte Fährte verrät mehr als der Einzelabdruck. Weil Sauen in Rotten ziehen, entstehen mehrere parallele, oft versetzte Spuren; der Gang ist breit und bodennah, die Spur wirkt weniger elegant als beim Reh. Daneben findest du fast zwangsläufig aufgebrochenen Boden — die Fraßspuren des Wühlens. Und Sauen nutzen feste Wechsel, regelmäßig begangene Pfade zwischen Wald und Nahrungsquelle; entlang dieser Wege entdeckt man oft mehrere Spuren gleichzeitig. Das ist zugleich der Grund, warum der Wechsel der beste Kamerastandort ist: Hier läuft das Wild ohnehin, und du bekommst einen ehrlichen Überblick, was im Revier unterwegs ist.
Die Losung schließlich ordnet die Anwesenheit der Art zu und verrät sogar die Nahrung. Die Form, Größe und Konsistenz von Losung erlaubt oft Rückschlüsse auf den Verursacher: Reh und Rothirsch hinterlassen kleine, gleichmäßige Kügelchen, während die Haufen des Wildschweins deutlich massiger sind. Wildschweinlosung ist meist dunkelbraun bis schwarz und besteht aus mehreren zusammengeballten Kotbeeren, die häufig zu wurstförmigen Stücken verbunden sind. Frische Losung ist eher fest, wird bei Nässe oder längerer Liegezeit weich und zerfällt. Und sie ist ein Ernährungsprotokoll: Bei pflanzenreicher Kost ist die Losung heller und faseriger, bei eiweißreicher Nahrung kompakter und dunkler — bei viel Eichel- und Buchenmast wird sie kompakter und körniger. Eine dunkle, körnige Losung am Kamerastandort im Herbst passt also genau zum Bild der mastenden Rotte, die du auf der Karte siehst.

Warum es immer mehr werden — der Kontext hinter dem Bild
Wer heute eine Kamera aushängt, fotografiert eine Tierart im Aufschwung, und das ist kein Zufall und kein rein deutsches Phänomen. Die zuverlässigste Zahl kommt aus der Jagdstrecke: In Bayern wurden 1980 landesweit rund 3.000 Stück erlegt, im Jagdjahr 2001/02 über 46.000 und 2010/11 mehr als 60.000. Die Deutsche Wildtier Stiftung beziffert den deutschen Bestand mit einer weiten Spanne von 300.000 bis 1.500.000 Tieren, Tendenz zunehmend. Und in der Schweiz, wo das Wildschwein einst ausgerottet war, läuft die Wiedereinwanderung aus den Nachbarländern seit rund vierzig Jahren, mit weiter steigenden Beständen.
Die Ursachen zu kennen hilft beim Deuten der Kamera, weil sie erklären, wann und wo du Schwarzwild erwarten darfst. Eine europaweite Auswertung von Jagdstatistiken aus 64 Regionen und zwölf Ländern über Zeiträume von bis zu 150 Jahren hat den Haupttreiber klar benannt: immer mildere Winter. In kälteren Regionen wirkt der Klimawandel dabei stärker, und selbst sporadisch auftretende kalte Winter drücken die Population kaum noch — weil Bucheckern reichlich vorhanden sind und solche Mastjahre seit den 1980er-Jahren deutlich häufiger geworden sind. Dazu kommt das Fortpflanzungspotenzial: Bachen bekommen im Schnitt etwa fünf, im Mittel bis sechs Frischlinge, der Geburtszeitpunkt ist flexibel mit Schwerpunkt im Frühjahr, und bei guter Nahrung werden weibliche Frischlinge schon im ersten Lebensjahr geschlechtsreif. Zum Vergleich: Ein Reh setzt ein bis zwei Kitze in einem engen Zeitfenster und wird erst im zweiten Jahr geschlechtsreif.
Der zweite große Treiber ist die Landschaft selbst. Die Anbaufläche von Raps und Mais ist in Deutschland in dreißig Jahren um das 26-Fache gestiegen, der Ertrag pro Fläche hat sich fast verdreifacht — mehr Nahrung, mehr Deckung. Im Maisfeld findet die Sau alles zugleich: Nahrung, Deckung, Schutz vor Wind und Wetter. Deshalb verschiebt sich der Aufenthalt der Rotten über das Jahr: im Frühsommer zur Rapsblüte, dann in den Mais bis zur Ernte, im Herbst zurück in den Wald zu Eicheln und Bucheckern. Wenn deine Feldkamera im Hochsommer voll ist und im Oktober leer, spiegelt das nicht das Verschwinden der Sauen, sondern ihren Umzug in den Wald.
Und weil Zahlen nur zählen, wenn jemand sie erhebt: Der bundesweite Rahmen dafür ist das WILD-Monitoring, das Wildtier-Informationssystem der Länder, das der Deutsche Jagdverband mit den Landesjagdverbänden seit 2001 betreibt und in dem Revierinhaber ehrenamtlich nach wissenschaftlichen Methoden Daten zu Vorkommen und Dichte erheben. Deine eigene, saubere Auswertung — Zeitstempel, Rottengrößen, Wiederkehr an Suhle und Malbaum — ist genau die Art lokaler Beobachtung, aus der solche größeren Bilder entstehen.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind meine Wildschwein-Bilder fast immer nachts?
Weil Schwarzwild bei uns durch die Bejagung nacht- und dämmerungsaktiv geworden ist — nicht, weil es von Natur aus ein Nachttier wäre. Ungestörte Sauen sind tagaktiv, und in jagdfreien Zonen steigt die Tagaktivität nachweislich wieder an. Ausnahmen sind Sommermorgen kurz vor Sonnenaufgang, wenn es kühl ist.
Wie schätze ich die Größe eines Wildschweins auf dem Kamerafoto?
Die Höhe des Schlamms am Malbaum ist unzuverlässig, weil die Sau beim Scheuern buckelt. Besser: eine Markierung oder kleine Holzklötzchen in bekanntem Abstand seitlich neben die Scheuerfläche schrauben, dann über das Foto die Widerristhöhe messen und daraus Altersklasse und Gewicht abschätzen.
Wann suhlen Wildschweine am ehesten?
Bevorzugt in der warmen Jahreszeit, besonders an heißen, schwülen Tagen mit vielen Insekten — da suhlen sie auch mal am Tag. Sie suhlen aber deutlich mehr als Rotwild und auch sonst; im Tagesverlauf liegt das Suhlen oft spät in der Nacht.
Wie erkenne ich Wildschweinspuren sicher?
An der Kombination: breites, gedrungenes Trittsiegel mit zwei sichtbaren Afterklauen hinter den Hauptschalen, dazu mehrere parallele Spuren einer Rotte und aufgebrochener Boden daneben. Diese Merkmale zusammen sind beim Schwarzwild eindeutig.
Wie viele Wildschweine sind wirklich in der Rotte?
Nicht das erste Bild zählen, sondern das Bild mit den meisten Tieren in einem Durchzug — so ermittelt auch die automatische Auswertung die Rottengröße als Höchstwert der Bildserie. Bachen mit gestreiften Frischlingen sind dabei leicht zu erkennen und gesetzlich geschont.
Wann treten Brechstellen am häufigsten auf?
Das Wühlen häuft sich im feuchten Herbst und Winter, wenn der Boden weich ist und Bodentiere sowie Eicheln und Bucheckern verfügbar sind. Frische, dunkle Erde datiert den letzten Besuch; ein flächig umgebrochener Schlag ist ein Schadensfall, nicht bloß eine Spur.